Booombangebang – Silvestergeschichten aus der Vorstadt

Wenn nur die Nachbarn nicht wären

 

Foto: pixabay

 

Hach Silvester, es ist doch jedes Jahr wieder ein sehr ergreifender Moment, wenn ein Jahr zu Ende geht. Man fällt seinen Liebsten um den Hals, herzt und küsst sie, stößt mit einem erlesenen Tropfen an und wünscht Ihnen nur das Allerbeste für das neue Jahr. Und dann, kracht es!

 

Die Zwillinge von nebenan sind Pyrokings

 

Ich erzähle Euch mal wie das Fest der guten Vorsätze in der Regel bei uns in der Vorstadt abläuft. Raketen schießen in den Himmel. Kanonenböller und nervtötende Heuler schliddern über unsere Fußwege.  Im Garten unserer Nachbarn haben die Zwillinge eine Pyro-Anlage aufgebaut, für die sie wahrscheinlich eine Genehmigung bei der NATO beantragen mussten. Eingerahmt von etwa 20 Bengalischen Feuern stehen da drei Goldregen-Sprühräder und blasen ihren goldenen Feuerstaub über unseren Zaun. In der Luft wabert der beißende Geruch von Schwarzpulver und Schwefel. Schönes neues Jahr dann auch für Euch, Ihr Knaller.

 

Die unterschiedlichen Silvester-Vorstadttypen

 

Spätestens in diesem Moment beginnt sie, die Teilung. Dann zieht sich ein Riss durch die Anwohnerschaft unseres Vorstadtringes. Da ist zum einen die große Gruppe der Ballermänner. Sie stehen mit Ihren Söhnen, denn bekloppte Traditionen müssen unbedingt weitergeben werden, vor den noch geschlossenen Supermarkttüren und warten ungeduldig darauf, dass sie ihre Einkaufswagen bis zum Rand mit Pyrotechnik füllen können. Geld spielt keine Rolle.

 

Die Antiknaller haben alle Tiere

 

Auf der anderen Seite der nachbarschaftlichen Feuer-Demarkationslinie stehen wir Tierhalter, die Antiknaller. Wir sind gänzlich unbewaffnet. Alles was wir einsetzen können, ist unseren gesunden Menschenverstand und unsere Manpower. In seltener Eintracht, ungeachtet der Spezies mit der wir unser Leben teilen, sind wir uns in einem einig. Wir finden, es sollte möglich sein, dass wir unsere Tiere auch bei uns in der Vorstadt gut und sicher über den Jahreswechsel bekommen. Soll heißen, wir sind hier und bleiben hier! Eine temporäre Gebietsaufgabe, etwa ein Rückzug in Reetdach gedeckte  Naturschutzgebiete, wird es in dieser Siedlung nicht geben!

 

Jochens Koi-Karpfen werden heiß geliebt

 

Für Manchen von uns wäre so ein Rückzug auch nicht machbar. Jochen aus dem Haus Nr. 15b ist so ein Beispiel. Mein Nachbar ist Biologe. Er hat sehr viel Energie, Geld und Liebe in den Aufbau und Erhalt seines Teiches investiert. In diesem Teich hat sich über die Jahre allerlei heimisches Krötengetier angesiedelt. Seine eigentliche Leidenschaft, gehört aber den sechs schillernden Koi-Karpfen, die dieses Biotop ihr Zuhause nennen, sehr sensible und empfindliche Tiere.

Abstürzende Raketenhüllen und andere Outfallprodukte, die nachts in seinen Tümpel platschen, könnten bei den empfindlichen Kois durchaus einen Herzstillstand verursachen, sagt der Jochen. Also hat er ein Konstrukt aus Holzlatten und Plexiglas entworfen, dass jedes Jahr wie eine Poolabdeckung über den Teich gestülpt wird. Verrückt oder reine Notwehr, das liegt wohl im Auge des Betrachters.

Ich bin allerdings schon froh, dass ich meinen Hund einfach nur in den Arm nehmen muss, wenn die Knallerei losgeht.

 

Frau Nörgel ist der Swinger-Prototyp

 

Damit wären wir nun bei meiner persönlichen Nemesis gelandet. Meine Nachbarin Frau Nörgel gehört nämlich zur dritten Kategorie der Silvester-Heimsuchungen. Sie ist ein Swinger. Wenn sie mit ihren Freundinnen Silvester feiert, kann sie selbst gut auf das Geballere verzichten. Kommen aber die Enkel zu Besuch, dann sieht das anders aus. Die Jungs sollen sich ja amüsieren, am besten aber nicht in Ihrem Garten.

 

Halbgötter reloaded

 

Fridolin und Frederick sind die Söhne von Frau Nörgels ältestem Sohn, den sie in Anlehnung an ihr Gaststudium in griechischer Mythologie, Horst Paris Nörgel genannt hatte. Ja, in Namensgebung ist diese Familie nicht zu schlagen. (Weiteres zu Frau Nörgels Namensfindungsstörungen findet ihr HIER) Doch zurück zu Silvester – also wenn die zwei Racker ihre Oma besuchen, heißt es in Deckung gehen. Und zwar schon kurz nach Weihnachten. Spaziergänge gestalten sich dann wie Patrouillen im Partisanengebiet. Zu jeder Zeit kann neben, vor oder hinter einem ein Kanonenschlag losdonnern.

 

Finley ist mein Stimmungsbarometer

 

Ich gebe zu, dass mein Nervenkostüm dann etwas dünner wird, wenn die Nörgel-Sprösslinge vor Ort sind. Meine Resilienz hängt ganz eng von Finleys Allgemeinzustand ab. Für meinen Hund ist jeder Jahreswechsel anders. Wir haben da gemeinsam, zwischen tiefenentspanntem Verschlafen, über wütendes Alles-was-sich-bewegt-wird-zusammengebellt, bis zum verängstigten In-die-Kissen-Kuscheln, alles schon erlebt.

 

Zisch-Britzel-Rumms-Booom!!!

 

Vor zwei Jahren war es ganz schlimm. Die ersten Böller detonierten schon am ersten Weihnachtstag und so ging es Tag für Tag weiter. Irgendwann bringt das den schussfestesten Rüden zum Einknicken. Am Silvestertag habe wir dann um 15.00 Uhr unsere letzte Pipirunde gemacht. Später noch mal in die freie Wildbahn zu gehen, wäre einfach zu gefährlich gewesen. Finley musste sich bis zum Morgen dann eben mit unserem Garten zufrieden geben. Ich dachte tatsächlich, dass ihm dort nichts passieren würde.

 

Der Pupsus interruptus – unsere Erfindung

 

Was ich nicht bedacht hatte war, dass die Nörglersprößlinge Gartengrenzen nicht so ernst nahmen. Omas Geranien sollten geschont werden, also flogen die Böller auf unser Schuppendach und in unsere Rhododendren. Ich sah wie Finley sich quälte und sich immer wieder einen neuen Löseplatz aussuchen musste, weil er bei jedem Rumms zusammenfuhr. Immer wenn ich dachte, so jetzt aber , dann explodierte wieder ein Böller und mein Rüde praktizierte den Pupsus interruptus, begleitet von Fridolins und Fredericks Gejohle.

 

Sei freundlich zu Deinen Nachbarn – Ausnahmen gibt’s immer

 

Schließlich hatte ich genug.

Ich sprach die Jungen an: „Sagt mal ihr Zwei, könntet Ihr nicht auch mal woanders knallen? Außer in unseren Garten, kann unser Hund nirgendwo gefahrlos hin und das Geballere macht ihm Angst.“

Fridolin guckte nicht mal hoch und Frederick sagte: „Meine Oma hat uns das erlaubt.“

Meine Stimme wurde schneidend: „Eure Oma hat in meinem Garten gar nichts zu melden. Ab sofort kriegt Ihr Euer Zeugs von mir zurück.“

 

Manchmal hilft nur Aufrüstung

 

Daraufhin ging ich in meinen Garten zurück, schnappte mir meine Plattschaufel und brachte mich in Stellung. Ich hörte ein Zischen und ein Aufheulen und da kam er schon geflogen der nächste Nörgel-Heuler. Ich holte aus, visierte den Böller an und schlug ihn mit der Schaufel, in hohem Bogen über unseren Bonanzazaun, Richtung Nörgel Haushalt. Das war Maßarbeit gewesen, denn der Feuerwerkskörper explodierte noch in der Luft, direkt vor Frau Nörgels Wohnzimmerfenster und brachte ihre heißgeliebte Panoramascheibe zum Erzittern. Ich hatte unser Vorstadtböller-Wimbledon eröffnet … Beckerfaust!!!

 

Zugegeben, auf Beobachter muss die Szenerie echt schräg gewirkt haben. Eine etwas pummelige, in einen Glitzerpullover gekleidete Frau stand, eine Plattschaufel in den Händen, vor ihrem kackenden Rüden und wehrte Silvesterböller ab. Das wirkte alles andere als souverän. Aber hey, hatte ich denn eine andere Wahl?  Außerdem hatten wir eine klasse Vorhand, meine Schaufel und ich!

 

Spiel – Satz und Sieg!

 

Frau Nörgel kam daraufhin aus ihrem Haus gestürzt und wollte sich doch tatsächlich beschweren. Wutschnaubend lief sie auf meinen Zaun zu. Dann sah sie mich, die Plattschaufel im Anschlag und besann sich sofort eines Besseren. Bevor sie und die jüngste Nörgel-Generation wieder hinter ihrer Haustür verschwanden, schnappte ich noch ein paar Wortfetzen auf: „Die soll sich mal nicht so anstellen … gemeingefährlich … Spaßverderberin … äh, besser nicht euren Eltern erzählen…“

Na ja ich muss schon zugeben, so ganz unrecht hatte meine Nachbarin ja  nicht mit ihrem Gemurmel. Trotzdem, für Finley und mich war dieser Nörgelsche Protestgesang, gleichbedeutend mit einem Turniergewinn.

Spiel – Satz und Sieg!

 

Kleiner Nachtrag

 

Frau Nörgel und ich hatten ein paar Tage später ein klärendes Gespräch. Ich erklärte ihr, wie belastend Silvester für uns Hundehalter sein kann. Nachdem das obligatorische „Sie wissen ja wie Kinder so sind“ kam, bot ich Ihr an, mal ein Gespräch mit Horst Paris über die mangelnde Fähigkeit seiner Söhne zuzuhören zu führen. Daran hatte Frau Nörgel aber ganz offensichtlich kein Interesse. Sie bot mir an, mir die Jungen rüberzuschicken, damit sie meinen Garten aufräumen und ich fand, dass das ein guter Anfang sei. Finley hat den Beiden dabei geholfen und ganz offensichtlich mochten die Jungen meinen Hund. Seitdem haben sie Silvester nie wieder Feuerwerkskörper in unseren Garten geworfen.

Vielleicht gefällt Euch ja auch Finleys andere Silvestergeschichte. Lest mal HIER nach.

 

 

 

 

4 Kommentare
  1. Hedwig Jost
    Hedwig Jost says:

    Herrlich geschrieben, liebe Birgit. Ich habe Tränen gelacht, aber natürlich auch mit dem armen Finley mit gelitten.
    Mein Lünchen bekam erst im Alter heftige Probleme mit der Knallerei. Früher wurde bei uns in der Schweiz nur am Nationalfeiertag, dem 1.August, geballert. Die Silvestertradition des Feuerwerks hielt hier vor einigen Jahren auch einzug. Nun herrscht im Sommer ca. 1 Woche Gefahr und im Winter auch. Es gibt bei uns Eltern, welche ihre Kinder zum Ballern weg vom eigenen Heim, auf den Dorfplatz schicken, weil sie oder ihr Hund den Krach nicht mag. Du ahnst sicher, wer direkt neben dem Dorfplatz wohnt…

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