Rabatz auf Camelot – Nachbarschaft im Vorstadtring

Ein guter Nachbar ist ein edel Kleinod  (Dt. Sprichwort)

 

 

So, jetzt ist es soweit. Heute möchte ich Euch einmal einen weiteren Nachbarn vorstellen – gestatten, Herr Rabatz. Er wohnt bei uns im Ring, eingangs der Straße. Nicht wie die meisten anderen in einem Reihenhaus mit Garten, sondern in dem Mehrfamilienhaus, das wie ein mittelalterlicher Wehrturm am Entree unserer Straße steht.

 

Erbengemeinschaft mit Prinzipien

 

Dieses Haus ist eines dieser Bauobjekte, die nicht in eine Vorstadtlandschaft passen. Eine wunderschöne alte Hamburger Kaffeemühle stand dort und hätte es verdient gehabt, erhalten und saniert zu werden. Allerdings widersprach diese Vorstellung der hinter dem Projekt stehenden Erbengemeinschaft, die auf wenig Grundstücksfläche, möglichst viel Wohnraum schaffen wollte, um möglichst viel Mieteinnahmen auf das Gemeinschaftskonto fließen zu lassen. Herr Rabatz und seine Frau Gisela gehörten zu dieser Erbengemeinschaft. Sie wurden rausgekauft aus dieser Erbengemeinschaft – warum auch immer… *mirfallenTausendGründeein….

Anstatt einer geldwerten Auszahlung, bekam das rüstige Rentnerpaar eine Eigentumswohnung in diesem, …. ich suche nach einem passenden Adjektiv, ähm …. Neubau. Womit niemand gerechnet hatte, sie zogen höchstselbst dort ein.

 

Camelot am Vorstadtring

 

Der Neubau, herausgekommen ist dabei ein rechteckiger, mit rot-lilafarbenen Klinkern verkleideter Drei-Etagen-Klotz. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschmacklosigkeiten.  Alle vier Ecken des Hauses sind mit senfgelbem Sandstein abgesetzt. Und dieser kitschige Design-Ausrutscher verleiht dem ganzen Bau die Anmutung einer uneinnehmbaren Festung. Wir Ringbewohner nennen das Gebäude scherzhaft „Camelot“ oder „die Burg“.

Also, mein neuer, bester Freund Herr Rabatz bewohnt in „Camelot“, nebst Gattin und ihrer dicken, fiesen Katze „Coco“ *wirwerdenniemalsFreunde, eine Wohnung im  Parterre. Wenn das Zuhause etwas über seine Bewohner aussagt, hätte ich gewarnt sein müssen. Aber ein gewisses Maß an selbstzerstörerischer Grundnaivität hat mich in all den Jahren nicht verlassen und ich trete neuen Nachbarn nach wie vor offen gegenüber.

 

Lore und Boxer Jonny – Freunde an der Rittertafel

 

Außerdem wohnen meine Freundin Lore, ihr Mann und ihr durchgeknallter Boxer Jonny auch in diesem Haus. Und Lore ist so ziemlich der Harmonie orientierteste Mensch, den ich kenne. Boxer Jonny, dem ist Harmonie total egal. Das ist etwas, was er mit Finley gemeinsam hat. Die zwei sind kompatibel … meistens … mit gelegentlichen Ausnahmen … jedenfalls immer wenn es darauf ankommt.

 

Klönschnack an den Müllboxen

 

Neulich trafen Lore und ich uns zufällig an den Mülltonnen vor ihrem Haus. Gute Gelegenheit für einen Klönschnack. Finley hatte sich neben mir abgesetzt. Lore und ich wollten gerade unsere Wochenerlebnisse austauschen, da kam Herr Rabatz um die Ecke. Sekundenschnell erfasste sein abschätzender Blick die Situation. Nachbarin mit Wohnrecht (meint Lore) blockiert den Weg, zusammen mit Nachbarin ohne Wohnrecht (meint mich) und *ürgs* Hund.

„Treten Sie zur Seite und nehmen sie das Vieh da weg“, donnert er mir entgegen. Meine Halsschlagadern schwollen in Sekundenschnelle auf Wasserschlauchdicke an.

 

Wer sich im Ton vergreift…

 

Und weil Finley in seinem Leben ja noch nie ein Stichwort verpasst hatte und seine Gepflogenheiten offensichtlich auch im stolzen Alter von zehn Jahren nicht ändern wollte, tat er was getan werden musste. Er sprang unvermittelt am Rabatzmacher hoch, schwanzwedelnd mit aller Begeisterung, zu der er fähig war. Dabei leckte er dem alten Mann über die Hand, den Unterarm bis zum Ellenbogen und als er wieder gen Boden fiel nochmal alles, nur rückwärts. Jaaa, manche Hunde können Ironie!

 

Finley gefiel nicht was er sah und hörte

 

Ich gebe zu, in diesem Moment war ich ein wenig stolz auf meine Erziehung, auch wenn der Durchschnittsbürger in einer solchen Situation etwas anderes von Hunden erwartete. Man muss halt flexibel denken. Meiner Meinung nach, hatte sich mein Hund als brillanter Menschenkenner erwiesen. Mein Hund hatte in kürzester Zeit erfasst, mit wem wir es zutun hatten: einem emotionsgestörten, arroganten Arschloch in Oberhemd und Schlips. Schreist Du mein Frauchen an, wirst du es bereuen – Punkt.

 

Zusammenreißen Birgit … zusammenreißen

 

„UahhhhhIiiirchhiiiiiiigttittittitittgitt!“, entfuhr es dem Mann im Oberhemd in einer Tonlage, die einem Kastraten alle Ehre gemacht hätte.

„Ja, igittigitt Finley. Wo zur Hölle ist eigentlich Dein guter Geschmack geblieben“, fuhr ich meinen Rüden im Theater-Tadel-Ton an.

Meine Freundin Lore riss ihre Augen auf und ging hinter ihrer Restmülltonne in Deckung.  Horst Rabatzens Gesicht nahm die Klinkerfarbe seines Hauses an. „Äh, wie bitte …“, sagte Herr Rabatz. Und: „Ich habe mich wohl verhört!“ „Was genau, haben Sie denn nicht verstanden“, fragte ich freundlich.

 

Herr Rabatz ist außer sich

 

Herr Rabatz, nun vollständig auf Krawall gebürstet, brüllte: „Ich muss doch sehr bitten!“. Dann folgte eine Tirade, bei der ich nur noch Wortfetzen wahrnehmen konnte. „… total unerzogener Hund … Sie zahlen die Reinigung … uhuuund von Ihrem Benehmen will ich gar nicht erst reden …“. Während die Worte aus Herrn Rabatz herausblubberten, schwoll sein Gesicht dunkelrot an, in seinen Mundwinkeln bildeten sich kleine Speichelfäden und auf seiner Halbglatze tanzten kleine Schweißtropfen.

 

Eine Stimme wie eine Sirene

 

Dass Männer über „Einsachtzig“ so schrille Stimmen haben können, war mir neu. Nachdenklich betrachtete ich den Mann mir gegenüber. Eigentlich wäre doch, rein theoretisch, ausreichend Klangkörper vorhanden, für einen wohlklingenden, sonoren Bariton. Dieses Kermit-Miss-Piggy-Mix-Timbre war schmerzhaft. Das musste ich vor der nächsten Provokation unbedingt bedenken. Zum Beispiel wenn ich einen Notruf bei der Polizei absetzen wollen würde: „Kommen sie vorbei bitte schnell, hier schreit eine Frau – oder Horst Rabatz ….“ Aber ich schweife ab….

 

Der Nachbar forderte Verstärkung an

 

Herr Rabatz hatte Fahrt aufgenommen. Mein wirklich gut gemeintes „Jetzt kommen Sie mal wieder runter, tun Sie mal was für Ihren Blutdruck“, brachte ihn nur noch mehr in Rage. „Giiiseeelaaa, komm mal, das musst Du Dir anhören“, schrie er in die Hainbuchenhecke, die seine Terrasse vor neugierigen Blicken schützen sollte. Pflichtschuldigst spähte seine Frau wenige Sekunden später über die Hecke.

Auftritt, Gisela Rabatz, Terrasse am Ringrand, auf dem Arm die fauchende „Coco“ – fchchchchchchhhhhh!!!

Was kam jetzt wohl? Richtig …. Finley hatte sein Stichwort gehört.

 

Finley: „Überlasse mir das Katzenviech…“

 

Noch bevor Frau Rabatz ihrem Mann beipflichten konnte und ehe ich reagieren konnte, nutzte Finley die fünf Meter seiner Schleppleine, zwängte sich durch die noch jungen Heckenpflanzen und verklickerte Coco, dass er von schielenden, überfütterten Katzen in seinem Revier überhaupt nichts hielt. Ach was, dass er von Katzen an sich, in seinem Hoheitsgebiet, überhaupt nichts hielt.

Coco, auch nicht faul, fuhr die Krallen aus und schlug vom Arm herunter, mehrfach mit den Pfoten nach meinem Liebling. Und zack, da hatte sie schon sein Ohr getroffen, mein Kleiner jaulte auf, kam bedröppelt zu mir zurück und warf mir diesen Mami-Aua-Mach-Das-Weg-Blick zu.  Oha, so nicht, denke ich mir. Nicht mit Muttis Jungen.

 

Mein inneres Gleichgewicht schwankte wie ein besoffener Seemann

 

Also, ich fasse mal zusammen. Mein inneres Ohmmm griff zum Stenoblock: Bin ich vollständig im Recht? Nein. Bin ich über den Punkt hinaus, nachgeben zu können? Ja, schon lange! Ist Weggehen eine Option? Nein. Ist es wichtiger die Oberhand zu behalten? Ja, bei neuen, renitenten Nachbarn immer! Geht souverän anders? Ja, na und????

Mein inneres Ohmmm lächelte mir aufmunternd zu und sagte: “Mach schon, kleine Schwächen darf jeder mal haben…“ Sind das da zwei Hörner, da auf seinem Kopf?

 

Übrigens, für solche Fälle haben mein inneres Ohmmmm und ich die sogenannte Dreh-den-Spieß-um-Taktik, kurz DdSu-Taktik, entwickelt.

 

 DdSu-Taktik 1. Schritt – verwirre den Feind

„Leinen Sie sofort ihre Katze an“, fuhr ich die verdutzte Gisela an. „Ich … was wollen …, äh … ich habe gar keine Leine“, antwortete sie verwirrt.

„Soso“, sagte ich bedeutsam, “haben Sie niiiicht?“ Und weiter: „Ja wissen Sie denn nicht, dass hier jeder verpflichtet ist, sein Haustier so zu sichern, dass andere nicht verletzt werden?“ Dabei schaute ich gequält auf die kleine, blutige Schramme am Ohr meines Rüden. Finley, nicht doof, gab auf den Punkt einen kleinen Fiebser von sich. *guterJunge*

Gisela Rabatz lief rot an und stammelte: „Ähm ja, dann bringe ich die Coco mal wieder rein.“

„Besser wäre es“, stimmte ich ihr im vorwurfsvollen Ton zu. Abgang Coco.

 

DdSu-Taktik 2. Schritt – mache dem Feind ein schlechtes Gewissen

Gisela hatte inzwischen offensichtlich nachgedacht. Und als sie wieder auf der Terrasse erschien fragte sie schnippisch: „Wer sagt das überhaupt – das mit der Katzenleine?“

„Otto Frank – der Erbauer und Gründer dieser Siedlung. Sein Geist wohnt auch noch heute jedem Ziegelstein unserer Häuser inne. Seinem Geist haben wir uns beim Kauf unserer Häuser verpflichtet“, sagte ich inbrünstig, so als gäbe es für mich nichts Wichtigeres im Leben, als Tradition, die guten Sitten und Brauchtum. Und dann, an meine neue Nachbarin gewandt: „Aber bitte, wenn ihnen so etwas nichts bedeutet …“ *strike*

„Also natür… ähm, also wenn das hier so ist, äh dann ist das wohl so …“, stammelte sie.

„Schön, dass wir uns da einig sind“, sind sagte ich bestimmt.

Lore, meine Freundin, hatte sich übrigens schon bei Schritt Eins in ihre Wohnung zurückgezogen und betrachtete das Geschehen entspannt von ihrem Küchenfenster aus.

 

 DdSu-Taktik 3. und finaler Schritt – schockiere den Feind

„So“, sagte ich an den Herrn Rabatz gewandt, „jetzt ziehen Sie mal ihr Hemd aus, damit ich es waschen kann.“

„HORST“, schrie Frau Rabatz und sah ihren sichtlich verdutzten Mann an.

„Aber sie wollten doch, dass ich ihr Hemd reinige“, antwortete ich und streckte dem Rentner meine Hand entgegen.

Hinter Lores Küchengardine hörte ich ein Glucksen.

„Die Hemden meines Mannes wasche ich und NUR ich“, fuhr mich Frau Rabatz an. „Bitteschön, wenn SIE es so wollen“, sagte ich mit gespielter Unschuld. Und abschließend fügte ich noch hinzu: “So jetzt habe ich keine Zeit mehr für Sie, vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“ Dann winkte ich den beiden locker zu, schob mich mit Finley vorbei an ihnen, in ihr frisch gefegtes Treppenhaus, um mir bei meiner Freundin Lore den wohlverdienten Morgenkaffee abzuholen.

Und wenn die Rabatzens nicht gestorben sind, dann….

Ne, sind sie nicht. So viel kann ich schon mal verraten. Da wird es schon noch die eine oder andere Geschichte geben……

 

 

 

 

 

 

 

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