Figaro, Figaro … aus mir wird nie ein Hundefriseur

„Fellpflege schafft Vertrauen, das ist gut für die Bindung“ (Züchter Thomas M.)

 

 

 

Was ich an Finley schon immer besonders geliebt habe, ist sein wunderschönes, volles, dunkelrotgoldenes Fell. Ich kann stundenlang neben ihm sitzen und mit meinen Fingern durch seine weichen Locken streichen. Damit das Fell auch ein Leben lang so schön bleiben würde, hatte mein Züchter mich mit zahlreichen Pflegetipps versorgt.

Jede Woche ein Eigelb oder ein schöner Klacks Quark ins Futter, sagte er und einmal in der Woche sollte ich meinen Hund richtig durchbürsten. „Das lieben unsere Hunde“, sagte mein Züchter und klang wirklich überzeugend. Einer der letzten Begebenheiten bevor ich meinen Finley bekam, war ein Trimmseminar im Garten meines Züchters.

 

Trimmen ist eine Kunst

 

Zuhause angekommen, entschloss ich mich meinem Hund die Haare zu schneiden – fachgerecht, so wie mein Züchter es mir dereinst vorgeführt hatte. Ich hatte also folgende Erinnerungen als Vorbild:

Züchter Thomas bedeutete seiner Hündin Jeany – wortlos – sie möge auf den Gartentisch springen, was sie ohne mit der Wimper zu zucken auch tat. Von den herumliegenden Scheren und Bürsten in keiner Weise irritiert *natürlichnicht, stand sie regungslos da, wie eine aus Marmor geklöppelte, antike Statue. WOW!

Entspannt saß ich im Gartenstuhl und betrachtete das Geschehen.  Ich brannte darauf meinen Hund zu trimmen. Alle bisher unterdrückten Barbie-Frisuren-Fantasien, die ich als Kind gehabt hatte, brachen sich Bahn. Ich würde Haare schneiden und effilieren … Juhuuuuu! Nun hatte ich aber außer Betracht gelassen, dass ich von Thomas ja keine Barbie bekam, sondern einen bockigen Ken.

 

Ein formvollendeter Fächerschnitt ist das Ziel

 

Züchter Thomas fing inzwischen an, den üppigen Schweif seiner Hündin durchzukämmen. Alles mit Bedacht, ruhig und mit Muße.  Jeany ließ sich das mit unfassbarer Gleichmut gefallen. Ganz in Ruhe schnitt er die überhängenden Längen ab. Am Ende fielen die Haare wie von selbst in eine Fächerform, die Starfrisör Udo Walz Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte.

Er verfuhr weiter nach seiner No-Problem-Methode: Pfoten ausputzen – zack, zack … seine Hündin kannte das Prozedere, hob eine Pranke nach der anderen, freiwillig! Dann die Vorbrust, die Haare an der Wamme, die Ohren ausputzen und den Brusthaaren mit der Effilierschere den letzten Touch verpassen … alles passierte ruhig, bestimmt, ohne ein Zucken beim Hund, ohne Fluchtversuch, kein einziges Fiepen, Bellen oder Knurren. Hach, das wollte ich auch, denn schließlich, so sagte mir mein Züchter, würden solche Momente inniger Fellpflege auch die Bindung zum Hund fördern.

 

Scherenshopping – mein Starterpaket

 

Frisieren wie Hamburgs Haarstyling-Ikone Marlies Möller oder wenigstens wie Shirley vom örtlichen Frisörladen, das war meine Mission. Da ich absolut keine Ahnung hatte, von dem was ich da tun würde, wich ich auf mir bekanntes Terrain aus – ich ging shoppen. Im Hundeladen angekommen, ließ ich mich beraten. Gitte die Fachkraft vor Ort nahm mich unter ihre Fittiche und zeigte mir, was man als frisch initiierte Hundepflegekraft so zum Trimmen eines Durchschnitts-Retrievers brauchte.

Das war meine Ausbeute:

Drei Scheren mit glatten Klingen, klein, mittel, groß, sie sollten laut Gittes Auskunft mit dem Hund mitwachsen. *dochhabichgeglaubt

Zwei Effilierscheren, eine mit einer glatten Klinge und eine mit, na zwei Effilierdingsens eben. Dann zwei Krallenscheren, klein und groß, eine Drahtbürste, einen Gummischwamm mit Gummistacheln, falls mein Hund aufs Bürsten empfindlich reagieren sollte, eine normale Bürste, einen Stahlkamm und einen Flohkamm. Dann noch ein forkenähnliches Gebilde, mit dem ich meinem Hund regelmäßig das Unterfell auslichten sollte.

 

Gutes Werkzeug ist wichtig – Djangomesser inbegriffen

 

Dann legte Fachverkäuferin Gitte noch eine Art Schrubber-Messer dazu. Es erinnerte mich ein wenig an ein Rasiermesser aus einem amerikanischen B-Movie-Barbiershop. Dieses Messer landete in solchen Filmen regelmäßig in den Händen eines Mannes namens Django, kurz bevor dieser einem Mann namens Pepe die Halsschlagader durchtrennte. Egal, laut meiner Lieblingsfachkraft gehörte das Mordinstrument zur Grundausstattung einer Durchschnittshundemutti. Also rein damit in die Einkaufstüte.

 

Finley denkt an Flucht

 

Zuhause angekommen, breitete ich meine Ausbeute mit den Worten „na, dann woll’n wir mal“ vor den Augen meines Hundes aus. Finley verschwand daraufhin augenblicklich hinter unserer Regentonne und fing an einen Fluchttunnel zu graben. Es hat mich schon ein wenig Mühe und eine halbe Fleischwurst gekostet, ihn wieder hinter dem Schuppen hervorzulocken.

Also ich mache es mal kurz. Natürlich war gar nicht daran zu denken, dass Finley sich ruhig auf unseren Gartentisch stellte. Scheren und Bürsten wurden entweder abgeschleckt oder er versuchte sie im Fluchttunnel zu versenken. Und unserem Clown den Schweif zu stutzen … ach herrje … versucht das mal bei einem Hund, der mit dem Schwanz wedelt, als würde sein Leben davon abhängen. Dieses Problem schrie nach einer kreativen Lösung.

 

Wir erfinden das Etappen-Trimmen

 

Ich bin die Erfinderin des Etappen-Trimmens. Strategisch, planvolles Vorgehen war von mir gefordert. Also legte ich gleich als erstes eine Schale mit Wurst- und Käseresten bereit. Kluger Schachzug!  Finley nahm sofort Witterung auf, die herumliegenden Scheren und Bürsten verschwanden langsam aus seinem Fokus. Und jetzt stelle ich Euch mein Programm vor. Ein Weg in fünf Schritten, verteilt auf mehrere Tage. Klingt aufwendig, meint Ihr? Stimmt! Schont aber die Nerven.

 

Etappen-Trimmen – unser Weg zur Traumfrisur

 

Schritt 1: Zuerst kürzte ich ihm die puscheligen Haare an den unteren Enden der Hinterläufe. Es lief ganz gut, denn bevor Finley nach einem Spaziergang zu uns ins Haus darf, reinige ich ihm immer die Pfoten.  Er guckte zwar etwas skeptisch, weil ich statt eines Handtuchs, einen Kamm und danach eine Schere zur Hand nahm aber er nahm es hin. Naja, die leckere Fleischwurst und die schmackhaften Käsereste mögen auch ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass mein Vorhaben gelang.

Die sogenannten Hosen, den oberen Teil der Hinterbeine, beschnitt ich nicht weil mich dafür, laut Trimmstandard meines Retrieververeins, drakonische Strafen treffen würden.  Auf meinem damaligen Hundeplatz kursierten Gerüchte, dass es Hundehalter gab, die nach dem Beschneiden der Hosen ihres Hundes nie wieder gesehen wurden… Also griff ich zu der „Forke“ und lichtetet lediglich die Unterwolle aus, sicher ist sicher 😉 .

 

Schritt 2: Jetzt, so war der Plan, wollte ich das gleiche mit den Vorderläufen machen. Finley entschied aber genau in diesem Moment, dass wir spielen wollen und fing an durch den Garten zu hüpfen. Ich machte jetzt etwas, was ich aus heutiger Sicht niemandem empfehlen würde. Ich versuchte ihn einzufangen.

Von außen betrachtet bot sich meinen Nachbarn nun folgendes Bild. Ein süsser, kleiner Hund lief vor einer großen, dunkelhaarigen Frau davon. Mit der einen Hand richtete die Frau eine lange Spitze Schere auf den Hund und in der anderen Hand schwang sie ein Barbiermesser durch die Luft . Dabei rief die offenbar völlig irre gewordene Frau sowas wie: „Komm her mein Süßer, dann haben wir es endlich hinter uns …“ Ehrlich gesagt, frage ich mich heute noch, warum damals niemand den Tierschutz gerufen hat. Letztlich, fragt bloß nicht wie,  haben wir die Vorderläufe aber doch noch ausputzen können.

 

Schritt 3: Jetzt wollte ich die Härchen an den Pfoten beschneiden. Tja, also da hatte mein Zappelphilip andere Pläne. Er trappelte auf und ab wie ein Flamencotänzer auf Ecstasy, da hatte ich erst einmal keine Chance. Offenbar war Finley an den Pfoten sehr kitzelig. Im Vergleich zu den mit dem Schrubber-Messer bearbeiteten Läufen sahen die Pfoten aus, wie zerzauste Schminkpinsel aus der Billigdrogerie. Das musste ich nun hinnehmen. Ich machte mir eine Gedankennotiz: Pfoten Ausputzen und die Krallen schneiden brauchten zukünftig einen Extratermin. Möglicherweise Schritt 3 mit Schritt 5 vertauschen, das ist besser für die Nerven.

 

Schritt 4: Das Trimmen der Vorbrust ist bei Finley, allein schon wegen der Fellmenge, eine Herausforderung. Das ist offenbar der Teil der Fellpflege, den Finley in vollen Zügen zu genießen bereit war. Er steckte den Kopf nach oben, sass ganz nah bei mir, ließ sich zwischendurch immer wieder auskämmen und genoss die kleinen Streicheleinheiten zwischendurch. Obwohl diese Etappe am längsten dauerte, verlief sie unkompliziert und ruhig.

Übrigens schneide ich die überstehenden Haare und kleine Puschel an den Ohren nicht, wie es der Ausstellungs-Standard verlangen würde, kurz. Ich finde diesen Wildwuchs nämlich total niedlich. Und solange keine gesundheitlichen Probleme auftreten, darf das bei uns so bleiben.

 

Schritt 5: Als letzten Schritt, in der Hoffnung, Finley möge sich zwischendurch mal etwas weniger freuen und mit dem Schwanzwedeln aufhören, wandte ich meine Aufmerksamkeit seinem Hinterteil zu. Die hohe Kunst des Fächerschneidens ist bei Golden Retrievern nicht zu unterschätzen. Ich gestehe, ich hatte eine leichte Obsession mit der perfekten Fächerform der Haare. Ich wollte es unbedingt so haben, wie ich es auf zahlreichen Hundeausstellungen gesehen hatte.

Also kämmte ich alle Zotteln nach hinten, umfasste sie und als ich losschnitt … Riiitschschsch … kam mein Mann nach Hause, Finley freute sich wie ein Irrer, wedelte mit dem Schwanz und rannte zur Tür. Das Ergebnis dieses Handlungsablaufs war alles andere als ein akkurater Fächerschnitt. Meine Schere war abgerutscht und hatte eine salmiartige Lücke in die Haarpracht geschnitten.

Tja, was ab ist, ist ab, dachte ich mir und entschied mich für einen Freestylecut. Ich schnitt ihm noch drei weitere Salmilücken in den Schweif und Finley lief die kommenden drei Wochen mit einem, durchaus akkurat geschnittenen Zickzackmuster herum. Ich gebe freimütig zu, es hätte sicherlich elegantere Möglichkeiten gegeben, meinen Schnippelunfall zu kaschieren. Sie sind mir aber nicht eingefallen.

 

Meine Töchter fällen ein Urteil

 

„Wenn Du einen Pudel hättest, würdest Du ihn wahrscheinlich lila einfärben“, motzte meine Tochter Motte und warf mir einen verächtlichen Blick zu. (Anm. d. Redaktion: Nein, würde ich nicht!)  „Mensch Mama eine Hundefriseurin wirst Du nie … armer, armer Finley … hat die Mama Dich hässlich gemacht“, ergänzte ihre große Schwester Mausi und umarmte das Tier theatralisch. Und was tat Finley? Na was schon – er seufzte auf, schmiegte sich in Mausis Arme und wedelte mit dem Schwanz.

Ich musste spontan an meinen Züchter denken …  „stärkt die Bindung zu Deinem Hund“, hatte er gesagt … „könnt Ihr zusammen genießen“, hatte er gesagt. Pah! Allerdings hatte er auch mal gesagt, „Birgit wälze Dich auf dem Rasen“ … aber das erzähle ich Euch mal in einer anderen Geschichte.

Meine Mädchen, damals acht und neun Jahre alt,  hatten beschlossen mich nicht so leicht davonkommen zu lassen. „DAS tust Du unserem Hund nicht nochmal an“, sagte Motte und blickte mich strafend an. „Ja, wie sieht den dass aus“, pflichtete Mausi ihrer Schwester in ungewohnter Eintracht bei. Und: „Das überlässt Du beim nächsten Mal, mal schön einem Profi.“ Ich bekam also die töchterliche Anweisung, meinen Hund, sobald seine Haare nachgewachsen waren, bei einer Hundefriseurin vorzustellen. Insgeheim hatte ich auch schon daran gedacht, stimmte also relativ kleinlaut zu. Warum ein Hundefriseur auch nicht immer die richtige Entscheidung sein muss, erzähle ich Euch ein anderes Mal.

 

Ende gut, Haare gut … und wenn sie nicht … dann trimmen wir auch heute noch

 

Inzwischen hat Finley gelernt, sich auch bei der Fellpflege zu entspannen, ich übrigens auch. Wir können diese Momente zusammen genießen. An dieser Stelle, schöne Grüße an meinen Züchter 😉 . Beim Etappen-Trimmen ist es allerdings bis heute geblieben. So muss Finley sich immer nur für einen kurzen Zeitraum zusammenreißen. Ich möchte seine Geduld ja nicht überstrapazieren. Mir gibt das die nötige Ruhe und die Zeit, seine Haare vernünftig und optisch ansprechend zu schneiden. Der Rassenstandard spielt dabei bei uns inzwischen zugegebenermaßen eine recht untergeordnete Rolle. Die Hosen schneide immer noch nicht, die Angst einfach zu verschwinden sitzt bei mir viel zu tief … wer schon jemals Mitglied auf einem Hundeplatz war, wird mich verstehen… 😀

Nach dem Trimmen plane ich immer eine Ruhezeit ein, dann lese ich ein Buch und Finley kann ein wenig vor sich hin dösen. Wir sind uns dann richtig nah. Übrigens, eine leichte Obsession mit der „Fächerform“ habe ich immer noch aber das halten Finley und ich locker aus…

 


Vorankündigung:

Ich lese übrigens zurzeit ein sehr interessantes Buch über die Fellpflege beim Hund. Die Autorin heißt Franziska Knabenreich-Kratz und ist ausgebildete Hundefriseurin. Meine Buchbesprechung zu „Feingemacht“ könnt ihr demnächst hier im Blog lesen.

 

 

2 Kommentare

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  1. […] Das Familiengericht, bestehend aus meinen zwei Töchtern Motte und Mausi, hatte mich dazu verurteilt, unseren Hund einer Hundefriseurin vorzustellen, sobald mein selbsterfundener Zickzack-Cut herausgewachsen war. Bis dahin war das Durchbürsten seines Fells das Höchste der Gefühle, was mir noch gestattet war. Ich war auf Bewährung. Die ganze Geschichte findet Ihr HIER. […]

  2. […] nicht so begeistert war, als ich ihm die Haare schneiden wollte. Die ganze Geschichte findet Ihr HIER. An dieser Stelle entschuldige ich mich vorsorglich bei Franziska für die nicht fachgerechte […]

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