Kastration ja oder nein – eine Gewissensfrage

SchwarzDie Kastration bei Hunden ist immer wieder ein Thema auf den Hundewiesen und Gassi-Runden. Mein Golden Retriever Finley hat sehr viel Temperament und war für mich als Anfänger schwer zu führen. Leider war der Field Trial Typ auch bei vielen Trainern nicht so bekannt. Also lautete der Tipp immer: lass ihn kastrieren, dann wird er ruhiger. Mein Bauchgefühl sagte immer nein dazu. Ich habe mich dann intensiv mit dem Thema Kastration und Pubertät auseinandergesetzt. Finley ist intakt geblieben. Heute ist er ein fünf Jahre alter, temperamentvoller, gut arbeitender Schatz. Es brauchte nur Geduld, Verständnis und den Willen zu lernen auf meiner Seite.

So vielfältig wie die Gründe für eine angeblich unausweichliche Kastration sind, so groß sind die Unsicherheiten bei diesem Thema.„Meine Hündin ist jetzt sieben Monate alt. Die wird ja bald läufig, ist jetzt der richtige Zeitpunkt sie kastrieren zu lassen?“ „Mein Hund gehorcht nicht gut.“ „Astor bellt andere Hunde an, ich lasse ihn kastrieren, dann wird er friedlicher und ruhiger.“ Ziehen an der Leine, Kryptorchismus (ein Hoden im Bauchraum), häufiges Markieren bei Rüden, Aufreiten (Hypersexualität) bei Hunden beiderlei Geschlechts…. Die Liste der Gründe, warum ein Hundehalter eine Kastration für notwendig erachtet, könnte noch weitergeführt werden.

Das Tierschutzgesetz setzt Grenzen

Möglicherweise wissen viele Hundehalter nicht, dass das deutsche Tierschutzgesetz (TierSchG) eine Kastration ohne vernünftigen Grund verbietet. Der vierte Abschnitt dieses Gesetzes regelt die Voraussetzungen dafür, unter welchen Umständen an Tieren Eingriffe vorgenommen werden dürfen. § 6, der sogenannte Amputationsparagraph, verbietet das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder Organen ohne medizinische Indikation (https://dejure.org/gesetze/TierSchG/6.html). Da der Gesetzgeber davon ausgeht, dass unsere Hunde in einem kontrollierten Umfeld leben, anders als beispielsweise Freigänger-Katzen, bezieht sich die gesetzliche Ausnahme in §6 Abs1 Nr 5 TierSchG „außer zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung“ nicht auf Haushunde. Kastrationen dürfen auch nicht zur Vorbeugung vor anderen Krankheiten gemacht werden.

Doch würde eine Kastration die aufgezählten Probleme überhaupt beseitigen können? Das darf man in den meisten Fällen verneinen. Das Markierverhalten bei Rüden zum Beispiel wird bereits im Mutterleib durch den Einfluss des Hormons Testosteron angelegt. Deshalb markieren kastrierte Rüden gleich viel wie intakte Rüden. Um eine konsequente Erziehung zur Stubenreinheit kommt man bei diesem Problem nicht herum.

Chemische Kastration als Probelauf

Zugegeben, wenn ein Hund ständig bei anderen aufreitet, ist das lästig und kann Grund zu Konfliktsituationen zwischen den Hunden führen. Und wenn dieses Verhalten sich auf einer echten Hypersexualität begründet, kann die Kastration das beste Mittel zur Beseitigung sein. Doch die Ursachen für das Aufreiten können vielfältig sein. Aufreiten kann zum Beispiel auch aus Stress entstehen. Wenn ein Hund in Stress gerät, schüttet er vermehrt das Stresshormon Cortisol aus. Dessen natürlicher Gegenspieler im Organismus des Hundes ist das Testosteron. Es wirkt also stresshemmend. Kappt man nun bei so einem Hund den Hauptproduzenten (die Hoden) für das stresshemmende Testosteron ab, wird sich das unerwünschte Verhalten nach der Kastration verschlimmern.

Wenn es sich bei dem störenden Verhalten des Rüden jedoch um sexuell motiviertes Verhalten handelt, kann man zur Sicherheit einen Probelauf starten und seinen Hund chemisch kastrieren lassen. Dem Hund wird ein etwa reiskorngroßes Hormonimplantat zwischen die Schulterblätter unter die Haut gesetzt. Die Wirkung der Implantate hält zwischen einem halben und einem ganzen Jahr an. Nun kann man beobachten, welche Auswirkungen eine chirurgische Kastration auf den Hund haben würde. Der hormonelle Zustand des gechipten Rüden entspricht dem eines chirurgisch kastrierten Rüden. Die chemische Kastration ist reversibel.

Abschließend noch ein paar Worte zu dem verbreiteten Irrtum, dass bei einem kryptochiden Rüden immer auch eine Kastration durchgeführt werden muss. Man kann den Hoden im Bauchraum entfernen, ohne eine Kastration vorzunehmen. Leider werden darüber die meisten Hundebesitzer von ihren Tierärzten nicht aufgeklärt. Das machen auch gute Tierärzte so, weil sie aus ihrer Sicht, fachlich gesehen nichts falsch machen. Im Hinblick auf das Verhalten des Tieres kann es jedoch negative Folgen haben (siehe oben). Die gleichzeitige Kastration wird leider oft als Routine mitgemacht. Wenn man einen Hoden aus dem Bauchraum entfernen muss, es keine medizinischen Gründe für eine Kastration gibt, der Rüde aber keine Nachkommen zeugen soll, kann gleichzeitig eine Sterilisation durchgeführt werden. Als Mittel, Verhaltensänderungen beim Hund herbeizuführen, ist die Kastration ungeeignet. Eine konsequente, zielführende Erziehung kann sie nicht ersetzen.

Tipps zum Weiterlesen

Ich habe mich hier hauptsächlich mit der Kastration bei Rüden auseinandergesetzt. Zum Thema Frühkastration und Kastration bei Hündinnen und zur Vertiefung des Themas empfehle ich folgende Links:

http://hasenhirsch.bplaced.com/bouv/images/M_images/kastration.pdf
http://www.stadthunde.com/magazin/gesundheit/hundegesundheit/hunde-kastration-interview-mit-dr-udo-ganslosser.html
http://www.cottage-hill.de/Kastration.htm
http://www.klaeffpunkt.de/2011/03/14/kastration-pro-und-kontra-2/

Auch lesenswert:

Kastration                                                                                                                                                                                                    Sophie Strodtbeck / Udo Gansloßer

Kastration und Verhalten beim Hund

Müller Rüschlikon Verlag

ISBN: 3275018205

 

 

 

 

 

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Gabriele Niepel

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ISBN 3440101215

 

 

 

 

 

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