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Ruhe liebe Seele, ruhe sanft …

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff)

 

 

 

Einen Tag vor Weihnachten, am späten Abend, bekamen Finley und ich eine sehr traurige Nachricht. Unser Freund Jovi hat uns verlassen. Er wurde 17 biblische Jahre alt und wird in meinem Herzen immer einen besonderen Platz einnehmen.

Als Jovi vor ein paar Jahren zwei Hauseingänge weiter einzog, hat er uns eine ganze Familie mitgebracht. Zwischen uns Menschen stimmte die Chemie und auch unsere Rüden hatten schnell akzeptiert, dass sie sich ihr Revier mit dem ernst zu nehmenden Charakterrüden von nebenan teilen müssen.

 

Sie haben sich respektiert

 

Anfänglich hatte ich mir Sorgen gemacht, wie es wohl werden würde, wenn unsere beiden Rüden sich begegnen oder wenn sie sich hinten im Garten durch die Zäune und Hecken beobachten könnten. Im Ergebnis sah es so aus. Sie wurden nicht gerade dicke Freunde aber sie gingen respektvoll miteinander um.

 

Wir wurden Freunde

 

Wenn ich ehrlich bin, war ich wohl diejenige, die sich mit Jovi anfreundete. Er war eine echte Hundepersönlichkeit, ein gestandener Kerl, der wusste wer er ist, selbstbewusst aber mit einem Herzen aus Gold. Und er brachte mich immer wieder zum Lachen.

Ab und zu, wenn sein Frauchen und Herrchen auf den Swutsch gingen, kümmerte ich mich um den alten Herrn. „Geh niemals ohne seinen Ball los“, sagte mir sein Frauchen, „er geht keinen Schritt ohne seinen Ball.“ Öhm ja also …

 

Ich bin ja lernfähig…

 

Ich legte Jovi eine lange Leine an, griff nach seinem Ball und hoffte, er würde nun die fünf Stufen von seiner Haustür zu mir auf den Weg herunterkommen.

Denkste Püppi, dachte Jovi und sah mich sehr eindringlich an. Wozu hast du den Ball in der Hand, schien sein Blick zu fragen. Mach was! Also rollte ich den Ball in Richtung Gassirundenweg … ich bin ja lernfähig … und siehe da, der gnädige Herr stieg gemächlich herab, zu seiner jetzt wohlkonditionierten Nachbarin. Und los gings.

 

Mach das mal selber, Birgit

 

Genaugenommen bedeutete das, Jovi ging drei Schritte, schnupperte, machte mal hier, mal da ein Häufchen und ich … ich rollte den Ball. Irgendwann hatte Jovi dann beschlossen, dass der Ball nun auch nicht die Lösung aller Probleme sein könne. Nach meinem nächsten Wurf, ging er zum Ball sah ihn an, sah mich an und ging weiter. Sein Blick hatte etwas Aufmunterndes gehabt. „Komm Birgit, das schaffst Du doch auch selber, hmmm, schien er zu sagen. Also hob ich den Ball selber auf. Danach habe ich den Ball nie wieder mitgenommen … ich bin ja schließlich lernfähig.

 

Jovi, der Routenplaner

 

In der nächsten Lektion, die Jovi mich lernen ließ, machte er mir klar, dass er und nur er die Richtung und die Länge seiner Gassirunden bestimmte. Wir liefen von Baum zu Baum, Jovi schnupperte und machte mal hier und mal da ein Häufchen … dann beschloss er, dass es nun genug sei. Mein Gefühl sagte mir etwas anderes, denn ich konnte unsere Häuser noch sehen. Würden wir jetzt umdrehen, hätte ich ein gaaanz schlechtes Gewissen seinen Besitzern gegenüber.

Also versuchte ich ihn zu motivieren, noch ein Stückchen und noooch ein Stückchen und noooch ein … hallohooo, guck mich doch mal an du Brummbär!

Er bewegte sich keinen Millimeter mehr. Mehr noch, er saß mit dem Rücken zu mir, die Schnauze in Richtung Heimat und warf mir wieder einen seiner vielsagenden Blicke zu. „Du wirst es schon verstehen … da lang … jetzt!“ Und ich verstand … ich bin ja schließlich lernfähig…

 

Kamikaze-Otto, der gemeinsame Feind

 

Dafür war er dann auch mein zuverlässigster Verteidiger gegen unseren gemeinsamen Feind, den Besetzer unserer drei Eichen, Kamikaze-Otto. Ihr erinnert euch ja sicherlich an unser Agro-Eichhörnchen (lest mal HIER).  Ihm hat Jovi jedes Mal auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass man sich mit einem 16 Jahre alten Rüden besser nicht anlegt.

Ich tue mich ein bisschen schwer mit der Vorstellung, dass unser handfester Jovi über so etwas, wie eine kitschige Regenbogenbrücke gegangen ist, um seine letzte Ruhe zu finden. Mir gefällt die Vorstellung, dass er in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, und dort freche Eichhörnchen jagt, viel besser.

Mach‘ es gut Jovi, mein charmanter, lieber Freund.

 

 

 

 

Kamikaze-Otto, der Erfinder des Eichhörnchen-Bungees

Achtung, dieser Artikel ist nichts für zart besaitete Naturschützer!

 

Fotos: pixaby

 

Zurzeit muss ich nämlich aufpassen, dass in mir nicht ein unkontrollierbarer, sehr archaisch ausgeformter Territorialinstinkt durchbricht. Ich erwäge, mir eine Axt anzuschaffen … oder ein Katapult … oder noch besser eine Streckbank … ich bin offen für weitere Vorschläge…

Grund dafür ist – und wehe, ich höre jetzt jemanden lachen – ein Eichhörnchen. Dieses rothaarige Biest ist auf eine der drei Eichen gezogen, die die Ausfahrt unseres Vorstadt-Garagenhofes säumen. Es sind drei wunderschöne Bäume, geschätzte 15 Meter hoch, gesund und stark … fällen kommt also nicht in Frage, ich habe mich danach bereits bei der zuständigen Behörde erkundigt. They where not amused….

 

Kamikaze-Otto ist ein Ausnahmehörnchen

 

Jetzt sitzt Ihr sicherlich in euren Sesseln und wundert Euch. Ich kann es förmlich hören: „Ooohhh die sind doch sooo putzig, das sieht sooo niedlich aus, wenn die Ihre Nüsse, Eicheln u.s.w. sammeln …“. Das habe ich auch gedacht, bis ich Kamikaze-Otto kennengelernt habe. Ja, so heißt das Eichhörnchen, den Namen hat es von mir – aus gutem Grund.

Die folgende Beschreibung fußt zugegebener Maßen nicht auf fundierten, biologischen Kenntnissen, sondern ist rein subjektiv geprägt. Die Eindrücke sind gewissermaßen aus dem Leben gegriffen, ungefiltert, brutal ehrlich.

 

Fly on the wings of love … fly Baby, fly…

Kamikaze-Otto ist ein sehr großes, übergewichtiges, rothaariges Eichhörnchen-Männchen, mit einer grauweißen Blesse auf der Brust. Er ist verfressen, manchmal geradezu respektlos und absolut angstfrei.  Oh, und nicht zu vergessen, Otto denkt ganz offensichtlich, dass er fliegen kann. Glaubt mir, er ist ein Alpha-Hörnchen auf Speed, mit der Lizenz zu nerven.

Aus seiner Sicht ist er „König Otto der Einzige“, Herr der Baumwipfel, wild und unerschrocken, der Liebling aller Hörnchen-Frauen. Mehrmals im Monat läuft Kamikaze-Otto, ich will nicht sagen Amok aber es ist nahe dran.

 

Jovi, ein alter Herr mit Klasse

 

Meine erste Begegnung mit Otto hatte ich, als ich Jovi, den Hund meiner Nachbarin Bente* (eine von den Netten) spazieren führte. Jovi ist ein Border-Collie-Labrador-Mix und schon ein alter Herr. Seine Schritte sind langsamer und kleiner geworden, sein Dickkopf hingegen größer – ich habe ihn wirklich sehr gern. Für Jovis Gassibegleiter bedeutet das, Jovi gibt Richtung und Tempo vor und Jovi bestimmt auch das Ende eines Spazierganges.

Wenn er an dem Punkt ist, an dem er wieder nach Hause möchte, duldet er keine Diskussionen. Er setzt dem Gassigänger, durch gezielt eingesetzte Inaktivität, klare Grenzen und schaut ihm solange bedeutungsvoll in die Augen, bis derjenige ES endlich kapiert hat. Als wir wieder an einem solchen Punkt waren, schwenkte ich sofort um und machte mich mit ihm auf den Heimweg. Ich werde den Teufel tun und mit einem 14 Jahre alten Rüden diskutieren.

 

Das erste Date, unverhofft und … ausbaufähig

 

Jovi und ich erreichten also unseren Garagenhof und bewegten uns auf die drei Eichen zu. Als wir direkt darunter waren geschah es:

Im Baum über uns raschelte es, ich schaute irritiert nach oben … ein großer, dunkler Klops fiel herunter … ich schrie auf … das Große Dings flumpte mit einem dumpfen „Wwhumppp“, etwa einen Meter neben mir auf dem Asphalt. Wie bei einem Bungee-Jump, nur ohne Seil.

 

Jovi mein Held, mein … Dings …

 

Gleich darauf erkannte ich ein überdimensional dickes Eichhörnchen – Kamikaze-Otto – der Erfinder des Eichhörchen-Bungees. Das alles schien dem Viech viel Spaß zu machen. Mit lauten Geckgeckgeckgeck-Lauten, es hörte sich fast ein wenig wie Gelächter an, raste er auf den nächsten Baum zu und kletterte im Turbo-Tempo in den Baumwipfel. Jovi war empört und erwachte zu neuer Jugend. Er drehte sich in einem für ihn schon sehr scharfen Tempo um und fing an zu schimpfen: „Wage es ja nicht meine … äh, die Dings … wie heißt Du noch … öh, egal jedenfalls lässt Du die in Ruhe, Du Habicht“! Ich habe ihn wirklich sehr gern. Danke für Dein … äh, Dings … Engagement, lieber Jovi.

 

Eichhörnchen-Bungee: Spass – Nervenkitzel und Wettkampfsportart

 

Kamikaze-Otto hatte offenbar seine Berufung gefunden, denn ich war nicht die Einzige bei uns im Vorstadtring, die solche Begegnungen hatte. Meine Nachbarin Bruni, Ihr wisst schon das Frauchen von Enrico C. der Abrissbirne, konnte gar nicht Herr ihrer Empörung werden, als sie schilderte, dass Otto ihren Schatz angegriffen hatte. Gleicher Tathergang, nur war Kamikaze-Otto statt auf dem Asphalt auf dem breiten Rücken von Finleys Lieblingsfeind gelandet. Also ehrlich … das ist ja … In dieser Nacht legte ich bei Vollmond heimlich eine Handvoll Erdnüsse an den Fuß der Otto-Eiche. *grins

 

Otto ist ein fleißiger Produktentwickler

 

In den kommenden Wochen verfeinerte Otto die Techniken seines Eichhörchen-Bungees. Manchmal konnte man seine Anwesenheit nur erahnen. Sein „Geckgeckgeck“ erklang und er lag wahrscheinlich irgendwo auf einem bequemen Ast, die Beine lässig übereinandergeschlagen und rauchte eine Havanna.  Ich malte mir aus, wie er es genoss, zu beobachten, wie Menschen und Hunde unter seinem Einfluss in Hektik gerieten.

Ein anderes Mal segelte er wie ein Paraglider, die Extremitäten seitlich ausgestreckt,  zwischen den Eichen hin und her. Immer mit der Option – zumindest in meiner Vorstellung – wie ein 4 Kilogramm schwerer Rollbraten auf meinen Kopf niederzusausen. Mir ließ das keine Ruhe. Es sollte sich was ändern. Ich wollte mich auf meinem Grund und Boden frei und gefahrlos bewegen können.

 

Förster Hans lacht und lacht und …

 

Also kontaktierte ich unseren zuständigen Förster und schilderte die Lage. Ich beendete meine Ausführungen mit dem schlichten Satz:

„Mach‘ dass er wegzieht, Hans!“

Hans hatte aufmerksam zugehört, Tränen standen in seinen Augen, dann lachte er los.

Hans der Förster:

„Pfffthahahaaa…, da kann ich Dir vorerst gar nicht helfen. Leider … hmpffhihihi…“.

Und weiter:

„Weswegen auch, …kichergurgelprust… dass ein Eichhörnchen wegen hochgradiger Gewitztheit umgesiedelt werden muss, das habe ich vorher auch noch nie gehört … hihihiii… das hätten wir exklusiv, Birgit.“

Na danke auch. Muss man denn alles selber machen?

 

Na warte Otto! Methoden entwickeln kann ich auch

 

Also entwickelte ich, parallel zu Kamikaze-Ottos sportlichem Ehrgeiz, ständig neue Abwehrmethoden. Wir waren in stetigem Wettstreit. Ja, es ist was Persönliches!

Ging ich allein durch das Tor der Hölle, klackerte ich so laut mit einer alten Kinderrassel, dass im Umkreis von mehreren Kilometern alle Wildtiere aufschreckten, von den Nachbarn will ich gar nicht erst reden.

Eine Zeit lang hatte ich eine Wasserflasche bei mir, jederzeit bereit, mich als Vorstadtwasserwerfer zu betätigen. Bei jedem Spaziergang scannte ich die Umgebung ab, wie ein Radargerät.

Zeitweise hatte ich immer einen Stockschirm bei mir und spannte ihn unter den drei Eichen auf und dachte „Spring‘ doch Du Blödmann“. Ich glaube, das war der Moment in dem Finley anfing sich ernsthafte Sorgen um mich zu machen.

 

Man muss wissen wann man loslassen muss

 

Ich gebe es nicht gerne zu aber ich scheiterte mit jeder Strategie. Otto ist ein harter Brocken. Es wird wohl noch eine Weile so weitergehen, denn Eichhörnchen können, bei guter Pflege *kicher, bis zu 12 Jahre alt werden *schluchz. Mit einer Winterpause brauche ich auch nicht zu rechnen, denn Eichhörnchen halten keinen Winterschlaf, ich habe das gegooglet.

Bleibt eigentlich nur eines:

„Otto, such Dir eine Frau! Vielleicht kommst Du dann mal auf andere Gedanken…“

Kleiner Nachtrag:

Manchmal kann man sie beobachten, eine große, kurzhaarige Frau. Sie wandert durch die Vorstadtwälder und flüstert leise vor sich hin:

„Es ist noch nicht vorbei, Otto, es ist noch nicht vorbei …“

Fortsetzung folgt …