Von Wadenbeißern, Fußhupen und Grobmotorikern

Kleinhund versus Großhund, das muss nicht sein

 

Finley und seine Zwergschnauzerfreundin Loki

 

Mir als „Großhund-Besitzerin“ fällt immer wieder auf, mit wie vielen Ängsten doch Kleinhundehalter belastet sind. Sei es nun im Wald beim Spaziergang oder in den Posts in den FB-Hundegruppen. Das Ausmaß der Ängste ist manchmal erschreckend und die Schlussfolgerungen, die Halter kleiner Hunde daraus ziehen, gehen leider manchmal an den biologischen Realitäten vorbei.

Eigentlich, so dachte ich bei mir, kann man so einen Artikel ja überhaupt nicht schreiben, ohne dass man irgendjemandem dabei auf die Füße tritt. Aber kneifen wollte ich vor diesem Thema auch nicht. Ich habe es ehrlich versucht, der Gesamtsituation einigermaßen gerecht zu werden.

 

Kleine Hunde können große Hunde in die Schranken weisen

 

Die Perspektive, die ich gewählt habe ist eigentlich eher die einer Halterin eines großen Hundes, die die ganze Aufregung um das Thema ‚Groß versus Klein‘ oder ‚Klein versus Groß‘ nicht mitmachen möchte. Denn meiner Meinung nach, müsste es dieses „Versus“ nicht geben. Dieser Artikel ist also auch ein Erfahrungsbericht und Ihr werdet lesen, dass Finley und ich es geschafft haben, dass kleine Hunde und ihre Besitzer in der Regel vor Begegnungen mit uns keine Angst haben müssen.

 

Einmal die geballten Vorurteile

 

Foto: pixabay

In der Hundewelt geht es ja manchmal sehr grob und schonungslos zu. Lasst uns doch mal schauen, wo wir mit unserem Thema stehen:

Kleine Hunde sind keine richtigen Hunde, Wadenbeißer, Fußhupen, verwöhnte, kläffende Biester. Große Hunde sind tollpatschige, distanzlose Riesen, die ihre kleinen Artgenossen rücksichtslos überrennen.

Halter von kleinen Hunden halten es nicht für nötig, ihre verhätschelten Lieblinge zu erziehen und kümmern sich nicht um das Verhalten ihrer Hunde und wenn was passiert, sind immer die anderen schuld.

Halter von großen Hunden, ist es nur wichtig, dass ihr Großer zu seinem Recht kommt. Sie nehmen keine Rücksicht auf kleine Hunde, denn ihrer ist ja körperlich überlegen. Es ist ihnen egal, ob der Kleine sich verletzt.

Puhhh, ich bin erschöpft. Das sind mal grob zusammengefasst die Vorurteile, die wir Hundehalter uns täglich gegenseitig an den Kopf werfen. Irgendwo steckt da überall ein Fünkchen Wahrheit drinnen.

 

Der Mensch muss seine Ängste zuerst abbauen

 

Aber wisst Ihr was? NICHTS davon spielt in der Interaktion unserer Hunde untereinander eine Rolle! Wir Menschen sollten uns dringend fragen: „Über wessen Ängste sprechen wir hier eigentlich? Sind es nicht vorwiegend die Ängste von uns, den Hundebesitzern? Hunden ist das, was wir wahrnehmen, nämlich wie klein und verletzlich zum Beispiel ein Dackel, Pudel oder Jack Russel ist, vollkommen egal. Sie beurteilen ihre „Größe“ nicht nach der Rückenhöhe. Nein, Sie beurteilen das Ego ihres Gegenübers. Wie ist seine/ihre Körperhaltung, wie riecht er/sie, versteht er/sie meine Signale? Hunde sind da viel klüger als wir, denn sie wissen, dass es tatsächlich auf die inneren Werte ankommt.

 

Ein gutes Management hilft den Hunden

 

Foto: pixabay

Sicher, der Größenunterschied ist da, aber kann man das nicht managen? Ich behaupte ja.

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass die Halter auf beiden Seiten ein Bewusstsein für ihre jeweilige Verantwortung entwickeln und diese Verantwortung dann auch übernehmen. Diese Verantwortung wiegt meiner Meinung nach auf beiden Seiten gleich schwer. Und auf beiden Seiten – jetzt wird es brenzlig für mich – wird diese Verantwortung oft im gleichen Maße ignoriert.

 

Nehmen wir mal den Klassiker: Ein großer Hund läuft ungebremst auf einen kleineren Hund zu. Der kleine Hund zeigt deutlich an, dass ihm das unangenehm ist, das kümmert den Großen aber nicht. Nachdem alle Demutszeichen versagt haben, fängt er an zu kläffen, der große Hund macht trotzdem weiter.

 

Das Gefühl ausgeliefert zu sein ist unangenehm

 

Mich erinnert das irgendwie an meine Kindheitstage. Wenn meine Tante Thorwalde (Name nicht geändert) auf unseren Familienfesten auftauchte, lief es meistens folgendermaßen ab. Diese wirklich riesengroße, breitschultrige, blonde Frau schritt durch die Esszimmertür, steuerte dann den Kindertisch an, riss mich aus meinem Stuhl, drückte mich an sich und beerdigte mich dabei unter ihrem bebenden Tantenbusen. Dann zog sie mir mit ihren Fingern links und rechts, jeweils eine Falte aus der Wangenhaut und schüttelte meinen Kopf kurz hin und her und brüllte „na, meine Süsse“ in den Raum. Das war gruselig.

 

So in etwa stelle ich mir vor, muss sich ein kleiner Hund fühlen, wenn er von einem großen überrannt wird und Frauchen oder Herrchen beider Hunde nicht einschreiten. Ihr könnt‘ mir glauben, meine Tante war eine Seele von Mensch, sie liebte mich aufrichtig und sie wollte wirklich nur mal Hallo sagen. Das alles hat mir in der akuten Situation aber nicht wirklich weitergeholfen.

 

Gegenseitige Rücksichtnahme entzerrt die Situation

 

Im umgekehrten Fall, fühlen wir Großhundehalter uns aber auch manchmal falsch beurteilt. Wenn ein kleiner, aufgeregter Hund frei auf unseren angeleinten, großen Hund zuläuft, dann bellend vor ihm auf und ab springt, birgt das für den Kleinen gewisse Risiken.  Macht der kleine Hund das am vorderen Ende des großen Hundes, braucht dieser schon sehr viel Toleranz um das auszuhalten. Mal klar betrachtet springt der kleine Hund da jedes Mal in Richtung Schlund.

 

Keine gute Situation. Ich finde nicht, dass ein Hund, egal wie groß er ist, das unbegrenzt aushalten muss. Lässt der Hundehalter des kleinen Hundes das zu und reglementiert seinen Kleinen nicht, trägt er in meinen Augen die Hauptverantwortung für das Risiko seines Hundes.

 

Missverständnisse resultieren oft aus Unkenntnis

 

Ich habe solche Situationen mit Finley oft erlebt. Inzwischen lasse ich sofort die Leine fallen. Leider reagieren die Kleinhundehalter oft panisch, wenn ich das mache. Dabei entspannt es die Situation ungemein. Finley hat dann die Freiheit, von dem kleinen Hund wegzugehen und sich der Stalkerei zu entziehen. Setzt der kleine Hund nach, hindere ich diesen daran meinem Rüden zu folgen. Meist begleitet durch das Kopfschütteln der Kleinhundbesitzer, denn ihr Kleiner wollte doch nur spielen oder hallo sagen oder…. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es genau das Verhalten, welches mich an einigen Kleinhundbesitzern total nervt. Man klärt die Situation für sie, weil sie es nicht tun und wird auch noch angemacht. Upsi, jetzt habe ich ja doch noch gemeckert.

 

Hundebegegnungen souverän durchstehen, das kann man üben

 

Im Idealfall übt man solche Hundebegegnungen mit seinem Hund schon von klein auf an. Das erfordert allerdings eine gewisse Toleranz auf allen Seiten und die Fähigkeit einen selbstkritischen Blick auf sich und seinen Hund zu werfen. Es muss einem klar sein, dass die Begegnungen menschliche Begleitung brauchen. Und vor allem ist es hilfreich, wenn die beteiligten Menschen ruhig und ausgeglichen in diese Begegnungen gehen. Die ersten Begegnungen sollten deshalb möglichst kurzgehalten werden, damit sich der Stresspegel beim Menschen und beim Hund nicht ins Unendliche hochschraubt. Und mit „Stress“ meine ich nicht nur Angst. Auch Freude und Spaß sind Stress und können zu Überreaktionen führen. Und was uns Menschen betrifft – eine klare Kommunikation in gegenseitigem Respekt füreinander, könnte schon viele Situationen entschärfen.

 

Ist der Halter entspannt, steigen die Chancen auf eine harmonische Begegnung

 

Ich behaupte jetzt einmal ganz frech: Es gibt so etwas wie Harmonie zwischen großen und kleinen Hunden, wenn ihre Halter es zulassen. Finley und ich zelebrieren das jeden Donnerstag- und jeden Samstagmorgen. Da treffen wir uns mit Colette, Loki, Fritz und Dave. Colette ist eine Französische Bulldogge und die Chefin der Gang. Finley würde ihr niemals widersprechen. Loki ist Finleys liebste Spielpartnerin, sie ist noch jung und er hat sie unter seine Fittiche genommen. Sheltie Dave ist etwas unsicher, deshalb hat Finley gelernt (unter Anleitung) etwas Temperament herauszunehmen, wenn er ihn begrüßt. Dave hat begriffen, dass Finley nicht sein Feind ist und sucht manchmal Deckung hinter dem Großen, wenn ein fremder Hund auf uns zukommt. Und Fritz, ja Fritzi ist ein lustiger Senfhund aus dem Tierschutz. In ihm vereinigen sich optisch alle Kleinhundrassen dieser Welt. Er und Finley haben sich akzeptiert.

 

Die Kommunikation beginnt bei uns Hundehaltern

 

Das alles ist uns Menschen, den Haltern der Gang, nicht geschenkt worden. Wir haben gemeinsam daran gearbeitet. Manchmal gab es Rückschläge, dann musste schon mal einer „Gagstas“ seine Runde alleine zu Ende gehen. Wir Menschen haben uns davon aber nicht verschrecken lassen und haben es beim nächsten Mal mit einer anderen Strategie versucht. Es hat funktioniert, weil wir es wollten und weil jeder von uns bereit war Kompromisse einzugehen. Wenn es heute mal Tage gibt, an denen es nicht so entspannt läuft. Zum Beispiel, wenn sich eine Läufigkeit bei den Mädels ankündigt, dann splitten wir uns auf, bis die Hormone wieder im Lot sind.

 

Den Rückschlägen nicht so viel Gewicht einräumen

 

Mein Fazit sieht wohl so aus. Ja, es gibt die rücksichtslosen Großhundbesitzer und ja, es gibt auch die sorglosen Kleinhundbesitzer. Aber an Ihnen müssen wir uns ja nicht orientieren.  Ein Feindbild aufzubauen ist niemals nützlich, dem nachzugeben schon gar nicht. Was uns bleibt ist es, unserem Hund zuzugestehen Begegnungen mit großen und kleinen Hunden zu haben. Es macht uns als Hundehalter selbstbewusster, wenn wir lernen diese Begegnungen zu managen und unser Hund bekommt die Gelegenheit seine sozialen Kompetenzen auszubauen. Es hilft schon viel, wenn der eigene Hund das kann.

 

 

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