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Kuhfladen, an jungem Rotzlöffel naturaromatisiert – Berg und Tal Report 5

Die Karlhütte hat sich das Prädikat „Stammlokal“ verdient

 

 

Lebensmittel, Kochen und Essen, spielt in Österreich und meiner österreichischen Familie eine große Rolle. Das Prädikat „Gutes Essen“ wird nicht einfach so verteilt, egal ob es sich um ein privates Essen handelt oder um ein Menu im Restaurant. Hat man mal ein Lokal gefunden, wo es allen geschmeckt hat, kehrt man dort immer wieder ein.  Denn in dieser Hinsicht und das hat er mit uns Hanseaten gemein, ist der Steirer kompromisslos treu.

Deshalb ist es bei uns in der Familie zur norddeutschsteirischen Tradition geworden die Karlhütte am Etrachsee zu besuchen, wenn wir unsere Verwandten in Murau besuchen. Unsere Tante kannte schon den alten Karl, den Gründer des Restaurants und hat als Gast inzwischen schon zwei Generationswechsel mitgemacht. Deshalb ist die Einkehr dort auch immer ein wenig wie ein Besuch bei Freunden.

 

Tierliebe wird groß geschrieben

 

Was unsere Stippvisiten für mich dort immer zu einer runden Sache macht ist, dass der junge Karl und seine Belegschaft sehr große Tierfreunde sind. Finley und alle anderen Tiere sind dort herzlich willkommen. Bevor noch die Bestellung aufgenommen wird, steht schon ein Hundenapf mit frischem Wasser vor Finley und ob im Vorbeigehen oder beim Streicheln und Loben, „mei bist du a schöner Bua“, verschwinden etliche Leckerchen im Schlund meines Hundes.

 

Himmlisches Gericht! Das schmeckt lecker

 

Wir menschlichen Gäste werden aber genauso verwöhnt. Der junge Karl und seine Frau sind Parade-Gastronomen, wie aus steirischer Lärche geschnitzt. Jeder kleine Sonderwunsch ihrer Gäste wird, wenn es möglich zu machen ist, mit einem freundlichen „joa, aber sicher“ erfüllt. Ich ordere dort jedes Mal das wohl beste Wiener Schnitzel, dass man in der Steiermark bekommen kann. Die Panade gelbkross ausgebraten aber nicht trocken, dass Kalbfleisch schön flachgeklopft und unglaublich zart. Im Zusammenspiel mit dem selbstgemachten Preiselbeeren Kompott öffnet sich das Tor zum kulinarischen Himmel, bei jedem Bissen ein kleines Stückchen mehr.

 

Die Umgebung dort ist ein Traum. Saftiger, grüner Rasen auf dem Kühe weiden, ohne abgrenzenden Zaun, ganz ruhig und ohne die Gäste zu erschrecken. Irgendwo in der Ferne hört man ab und an das dumpfe Moll der Kuhglocken erklingen. Menschen, Kühe, Hunde, Katzen, alle in einem friedlichen Miteinander an demselben Platz. In diesen Höhen weht immer ein leichter Wind. Bei den diesjährigen Sommertemperaturen war das eine Wohltat. Der Wind trägt den leichten Duft von Kiefernnadeln zu unseren Tischen, das ist Balsam für meine Städterseele, hier kann ich Kraft tanken. Und Finley liegt derweil neben dem großen Holztisch und folgt den Kühen mit den Augen. Von seinem Jagdtrieb ist nichts zu merken. Hach….

 

Neue Spezialität: Retriever, naturaromatisiert mit essbaren Blüten

 

Nach dem Essen geht es dann, über die grünen Wiesen, um den See herum. Das ist auch eine unserer Familientraditionen. Der Spaziergang ist eine schöne Gelegenheit für gute Gespräche. Außerdem dürfen wir Finley währenddessen von der Leine lassen. Es macht einfach Spaß ihm zuzusehen, wie er da ausgelassen über die Wiese tollt, ohoh …. neeeein!!! Das hat man nun davon, wenn man sich entspannt. Ich war wohl nicht aufmerksam genug und hatte es nicht kommen sehen. Finley peilte zielgerichtet den nächsten auf der Wiese abgeflatschten Kuhfladen an.

Ich gab wirklich alles: „Hierher! Stooooop!! Doppelpfiff!!! HUHUUUHHH!!! WageesnichtDudickköpfigerBlubberko…*++**#*#**!“

Nichts was wir einmal eingeübt hatten, konnte ihn noch stoppen. Als er da so trügerisch ruhig bei uns am Tisch gelegen hatte, hatte der Banause die Kühe wohl beim Absetzen beobachtet. Als echter Retriever hatte er die Fallorte der Kuhfladen markiert und auf seine Chance gelauert.

 

Die wissenschaftlichen Daten

 

Ich musste hilflos zusehen, wie sich mein frisch getrimmter Hund mit Wonne und Anlauf in einen dieser Kuhfladen schmiss und sich in der grünlichen Masse drehte, wie ein Rollbraten im Gemüsefond. Und damit hier jedem das Ausmaß des Geschehens klar wird, wir reden über Kuhfladen von geschätzt 1,50 m Durchmesser und einem Fassungsvermögen von gefühlt etwa 25 Litern Öddelflüssigkeit, mit einem Sprenkelradius um die drei Meter. Mindestens! Warum auch nicht, schließlich kamen sie ja von steirischen Kühen. Und nein, ich übertreibe nicht, ich bin Hanseatin! *Augenzwinker

 

Möge die olfaktorische Macht mit Dir sein

 

Nachdem Finley sein Tagewerk erledigt hatte, sah er ein bisschen aus wie der ockergrüne Yediritter Yoda aus Starwars. Von nun an war die olfaktorische Macht mit ihm. Hätte er irgendwelche territorialen Ansprüche an die Alpenrepublik gestellt, glaubt mir, er hätte sich durchgesetzt. Nur kämpfen er nicht musste, weil zum Himmel er stank …. *würg

Panik kroch in mir hoch, ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel. „BITTE, NICHT SCHÜTTELN. Wir werden alle sterben ….“, dachte ich. Die Vorstellung, dass meine Familie und ich nach unserem Ausflug aussehen könnten, wie ein Rudel Dalmatiner, hatte in diesem Moment wenig positive Aspekte für mich. Nun ich wurde erhört, er schüttelte sich nicht – Danke Schutzengel.

 

Gott sei Dank lag der Etrachsee, mit seinem klaren Wasser ja in Sehweite und es gelang mir, Finley mit einem fachgerechten „braves Hundi, geh planschen“ von uns weg, ins kühle Nass zu dirigieren. Sobald Finley das Wasser erblickt hatte, darum musste man ihn da nie lange bitten, sprang mein Yoda in die Fluten.

 

Karma kann manchmal auch nicht alles

 

Eine meiner Töchter, die Motte, hat sich erbarmt und ist hinterher gegangen und hat ihn dann gewaschen. Finley genoss die massierenden Bewegungen sichtlich, meine Motte offensichtlich nicht. Sie rümpfte die Nase und sagte: „Also echt Mama, wenn der nachher auch noch so stinkt, setze ich mich nicht ins Auto. Nicht cool Finley, nicht cool…“.

Während ich derweil versuchte, den Kuhpups aus Finleys geflochtenem Fettlederhalsband zu waschen, beobachtete ich, wie sich um meine Motte und Finley herum eine gigantische, grüne Lache bildete. Ja, Scheiße treibt oben. Von weitem konnte man den Komplex für Entengrütze halten – Danke Schutzengel. Auch wenn das in diesem See, für Ortskenner ein wenig ungewohnt wäre.

Ich liebe diesen See. Die ruhige Wasseroberfläche vermittelt einem das Gefühl von Stille und Frieden.  Diese Ruhe wird nur ab und an von einer Entenfamilie unterbrochen, die ihren Küken das Schwimmen beibringt und das ist total niedlich. Je nachdem, wie gerade das Sonnenlicht einfällt, funkelt das Wasser in tiefen bläulichen oder grünen Aquatönen. Es ist so klar, dass man auch noch dort, wo es tiefer wird, auf den Grund schauen kann. Eigentlich …

 

Kronenzeitung: „Konterminierte Forellenzucht entdeckt“

 

An diesem Tag allerdings konnten wir beobachten, wie eine riesige Lache aus Kuhpupslake langsam aber zielgerichtet auf den Teil des Sees zutrieb, in dem der junge Karl seine Forellenzucht betrieb. „Forelle Müllerin Art“ war nämlich eine weitere Spezialität meines Lieblingslokals. Die Gäste konnten sich ihre Forelle in einem Auffangbecken aussuchen. Die wurde dann gefischt und zur Verarbeitung in die Küche gebracht. Frischer kann man Forelle nicht zubereiten, als so.

 

Finley – Coco Chanels olfaktorischer Erbe

 

Wir haben unseren – aus Gründen – sehr ausgedehnten Spaziergang um den See dann trotzdem noch sehr genossen. Finley musste allerdings an der Schleppleine bleiben. Ein Schlammbad am Tag musste reichen. Die Tante und unser Cousin sammelten unterwegs ein paar Pfifferlinge, für das Mittagessen am kommenden Tag ein und unsere Gespräche konnten wir auch alle führen.

Am Auto angekommen war Finley durchgetrocknet und wir konnten losfahren. Durch unser Fahrzeug waberte ein leichtes Bouquet von „Eau de Kuhfladè No 5“.  Zum Mindesthaltbarkeitsdatum des Kuhfladen-Aromas, sei kurz angemerkt – es dauert einen Sommerurlaub lang … mindestens.

 

Berg und Tal Report 1-4

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Vom Antimobilsten zum Kilometerfresser – Berg und Tal Report 1

Einmal Pizza ohne Hund, bitte! – Berg und Tal Report 2

Hooladriöööö, Heidifeeling, Herrliche Ruhe – Berg und Tal Report 3

Himmel, Donner und Hagelsturm – Berg und Tal Report 4

 

 

 

 

 

Himmel, Donner und Hagelsturm – Berg und Tal Report 4

Abenteuerurlaub in der Steiermark – Halbpension mit Unwetter

Wenn ein Steierer sagt, „Es kummt a G‘witter“, verändert er seinen ganzen Habitus. Als meine Schwiegermutter das zum ersten Mal zu mir sagte, bekam sie einen leicht gequälten, sorgenvollen Gesichtsausdruck und ihre Pupillen weiteten sich angstvoll. Dann dreht sie sich zu mir um, dämpfte die Stimme und fügte noch hinzu, „An Hoagel wiads a geb’n“. Danach herzergreifende Seufzer und Abgang. Da stand ich dann mit dieser Info und meiner norddeutschen Seele und dachte – jaaa, und…? Dann hagelt es eben, meine Güte das haben wir in Hamburg ganzjährig jeden zweiten Tag – kein Grund zu jammern.

 

Schneeschieber im Einsatz und das im August – hat was…

 

Dann jedoch wurde der Himmel so schwarz wie in einem Harry-Potter-Film, wenn die Dementoren ausziehen den Guten die Seele aus dem Körper zu saugen. Und als wäre das noch nicht genug „Drama-Baby“, schossen tennisballgroße Hagelkörner vom Himmel und demolierten im Umkreis von etlichen Kilometern alles, woran das Steirerherz so hing. Die Kürbis- und Obsternte war ernsthaft gefährdet, bei meinen Schwiegereltern waren Fenster, Gewächshaus und das Dach stark beschädigt worden. Jedes „Jöööö“ und jeder Seufzer hatten vollste Berechtigung. Im Stillen leistete ich zähneknirschend Abbitte bei meiner Schwiegermutter und fing an, die Berge von Hagelkörnern mit dem Schneeschieber vom Pool wegzuschaufeln. Mein Autodach hatte ein paar hässliche Dellen davongetragen, die mich fortan immer ermahnten, dass ich besser auf meine Schwiegermutter hören sollte. *knirsch

 

Genauso war es gestern wieder. Wir saßen mit unserer Tante und unserem Cousin ganz gemütlich im Garten beim Egidiwirt und haben wunderbar gegessen. Unser Sitzplatz lag unter einer herrlichen Pergola, die mit Wein und Holunder berankt war. Finley hatte es sich gleich neben mir bequem gemacht und lag im Schatten zweier großer Hortensienbüsche. Hach, so stellt klein Erna aus Hamburg sich die Steiermark vor. Doch noch bevor wir aufgegessen hatten, schwärmten die Dementoren aus und brachten die Dunkelheit mit sich. Ich überlegte schon, ob es nicht besser wäre ins Haus zu wechseln. Aber der nette Kellner vom Egidiwirt ließ vom Chef ausrichten: „Naaa, Ihr könnt’s scho sitz‘n bleib’n, des Dach hoalt des aus …“

 

Blinde Zuversicht zeichnet den Steirer ganz allgemein aus

 

Was soll ich sagen – es hielt nicht. Schon die ersten Hagelbrocken erzeugten Risse im Plexiglasdach. Finley blieb erstaunlich ruhig aber er setzte sich auf und warf mir diesen „Es-ist Zeit-zu-gehen-Blick“ zu. Wir wechselten in den Schankraum, dort hatten die Einheimischen den Ausnahmezustand ausgerufen. Jeder von Ihnen fragte sich, ob er zuhause alle Fenster geschlossen hatte oder ob nun Bäche von Eiswasser durch ihre Flure und Zimmer flossen.

„Mei und die Mutter is ganz alloa dahoam“, rief eine Frau am Nebentisch. Die Feuerwehr war schon alarmiert und fuhr laufend irgendwelche Einsätze. Die Männer im Schrankraum liefen immer wieder unruhig zur Tür um einen besorgten Blick auf ihre vormals blitzblank geputzten Autos zu werfen. Wir Norddeutschen hingegen saßen mit stoischer „Es-is-wie-es-is-Haltung“ am Tisch und aßen fertig. Schließlich sind wir inzwischen dellenfest.

 

Finley tröstet so gut er kann und heimst viel Lob ein

 

Finley entdeckte in diesen Momenten sein bisher verborgenes Talent zum Therapiehund und ging abwechselnd immer zu Denjenigen, die am aufgeregtesten waren. Dann setzte er sich neben sie, stupste sie kurz an und ließ sie sich ihren Stress wegstreicheln. Natürlich ganz uneigennützig, mein Bärchen. Die unzähligen „Mei is der liab“, „Bist a Guada“, „So an Bärli“, „Mogst a Wuascht?“, „Mogst an Kaas?“, dürften bis zum nächsten Steiermark Urlaub als Sympathievorrat ausreichen.

 

Aufmunterung bitte nur vom Hund!

 

Was gleichzeitig vor der Tür geschah, könnt Ihr auf meinem Video sehen. Die Zustände erinnerten mich an den Tornado in Meiendorf und Volksdorf von vor zwei Jahren. Da ich die Stimmung auch ein wenig auflockern wollte und die Anwesenden a Bisserl aufmuntern wollte, zeigte ich den Egidigästen meine Tornado-Videos aus Hamburg. So nach dem Motto „Den haben wir schließlich auch überstanden“. Tja so groß können Mentalitätsunterschiede sein …. nur soviel dazu, hat nicht funktioniert. Mein Berlingo hat jetzt also auch steirische Hagel-Dellen auf dem Dach und der Motorhaube. Ich betrachte das einfach mal als den steirischen Ritterschlag für meine Autos.

 

Während der Rückfahrt nach St. Lorentzen hatte man streckenweise das Gefühl durch eine Winterlandschaft zu fahren. Schon etwas schräg in Shorts und Flipflops. Auf dem Rücksitz philosophierten meine Pubertiere vor sich hin.

Mausi: „Alter, das war ja echt heftig.“

 

Motte: „Kannst Du wohl sagen.“

 

Finley: „Fiiiep.“

 

Mausi: „Eigentlich haben wir ja immer Unwetter, wenn wir hierherfahren.“

 

Motte: „Nö, eigentlich immer nur wenn Mama mitfährt.“

 

Finley: „Fie…hihihi…hiiiiip.“

 

Das war ja wieder klar. Jetzt bin ich auch noch fürs steirische Wetter verantwortlich. Das geht doch wirklich zu weit. Manchmal denke ich allerdings, dass meine Schwiegermutter da auch einen Zusammenhang zwischen mir und den steirischen Unwettern sieht. Oder wie sonst kann ich mir erklären, dass sie kaum das ich angekommen bin sorgenvoll wispert: „Es wiad an Hoagel geb’n…“

 

Berg und Tal Report 1 – 3

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Vom Antimobilisten zum Kilometerfresser – Berg und Tal Report 1

Einmal Pizza ohne Hund, bitte! – Berg und Tal Report 2

Hooladriiiöööö, Heidifeeling, Herrliche Ruhe – Berg und Tal Report 3

 


Teaser-Foto zu diesem Beitrag; Credit: Tobi Sturmjaeger via Pixaby

Hooladriiiöööö, Heidifeeling, Herrliche Ruhe – Berg und Tal Report 3

Die Veranda unseres Ferienhauses, mein absoluter Lieblingsplatz

 

 

Noch nicht ganz wach – Kaffee, bitte!

 

Morgens um 6.00 Uhr, St. Lorenzen in der schönen Steiermark. „Uaaahhh“, ich stehe auf der Veranda unseres Ferienhauses und strecke mich. Einfach mal durchschnaufen und zuschauen, wie der Tag erwacht, denke ich. Ich genieße den wunderschönen Blick auf den Kreischberg. Die Luft geht langsam hinter den Bergen auf, die Sonne zwitschert und die Vögel sind frisch und klar. Ähm, Ihr merkt wohl schon, ich bin noch gar nicht ganz wach. Also gehe ich zurück in unsere kleine Bauernküche und mache mir erst einmal einen Kaffee.

 Danach setze ich mich wieder auf die Veranda, meinen Lieblingsplatz in unserer Unterkunft und genieße die Bergluft, diese wundervolle Stille und das süße Nichtstun. Im Sommer ist St. Lorenzen ein verschlafenes kleines Bergdorf. So früh am Morgen sind außer Finley und mir erst einmal nur die Dorfkatzen wach. Der schwarzweiß gefleckte Kater vom Haus nebenan hatte Finley gleich am ersten Tag auf seine ganz spezielle Art begrüßt.

 

Gestatten, Herr Beppi, seines Zeichens Wies’nchef

 

Der gefleckte Nachbar-Kater wurde von seinem Besitzer „Herr Beppi“ gerufen. Man konnte ihm ansehen, dass er in seinem Leben schon ein paar entscheidende Kämpfe gefochten hatte. Unter seinem linken Auge hatte er eine dunkelgraue, durchaus dekorative Schmarre und von seinem Schwanz fehlte ihm fast die Hälfte. Auf der großen Blumenwiese vor unserem Haus standen Finley und er sich ganz unvermittelt gegenüber. Beide gänzlich unvorbereitet und beide total perplex.

 

Finley: „Grrr…grrr… Alter, wo kommst Du denn so plötzlich her?“

 

Herr Beppi: „Fchhhhh… woas wuillst Du, haaa? Bleeder Schlickruuutscher!“

 

Finley: „GRRR … grrr … sieh mal an, soso, ein Schluchtenscheißer mit Todessehnsucht …“

 

Herr Beppi: „Fchhhhhh…Fchhhh… teil’n mir uns die Grrruft oder woos?“

 

Finley: „GrrrWau … pass mal gut auf Du Almdudler. Du die Gruft und ich die Wiese … für die nächsten 10 Tage.“

 

Herr Beppi: „10 Toag? Doas loast si moach’n. Du kriagst an vorderen Teil und i kriag den hinteren Teil der Wies’n und olle Mäuse. Do ham ma an Fried’n und es dient da Förderung des Tourismus…“

 

Finley: „Hmmm… das klingt nach einer akzeptablen Abmachung. Ich sehe Dich nicht und Du siehst mich nicht. Wird gemacht.“

 

Friedensverhandlungen erfolgreich abgeschlossen

 

Von da an herrschte Frieden an der deutsch österreichischen Hunde-Katzen-Front. Der Herr Beppi lag dann jeden Morgen, stundenlang, an der Demarkationslinie im hohen Gras. Man hörte kein Fauchen mehr von ihm, allenfalls mal ein sanftes Schnurren. Finley hingegen nahm die vordere Hälfte der Weide in Beschlag. Abmachung ist Abmachung – auch zwischen Hund und Katz. Und ich hatte endlich die Ruhe, nach der ich mich in Hamburg die letzten Monate so sehr gesehnt hatte. In diesen klangschalenruhigen Momenten auf unserer Veranda, hatte ich das Gefühl, dort nie wieder weg zu wollen.

 

Finley begann seine tägliche Pfostenschau

 

Während sich der Herr Beppi in der Morgensonne räkelte, begann Finley seine Tage mit einer Wieseninspektion. Ich nannte das seine tägliche, ganz persönliche Pfostenschau. Die Wiese war von einer Reihe rauher Holzpfähle eingerahmt. Sie grenzten die dahinter liegende Straße ab. Finley flanierte nun jeden Morgen von Pfosten zu Pfosten. Dann schnupperte er an jedem! Pfahl ausgiebig und schien sich in Gedanken ein paar Notizen zu machen: „Aha, die drei ungarischen Pudeldamen waren schon dagewesen und dort die zwei Chihuahuas von der Gondelbahn auch, … Katzen, naja um die soll sich mal der Herr Beppi kümmern…, ohhh ein Stück vom Wild, hmmmm wie lecker *ürgs …“  Nachdem er die tierischen Neuigkeiten aus dem Dorf alle gelesen hatte, ging er jeden!!! Pfosten noch mal ab und setzte dort eine wohlproportionierte Markierung ab. „Gestatten, mein Name ist Finley und mir gehört jetzt diese Wiese, die Straße und das schöne Haus mit den Holzschindeln da drüben.“

 

St. Lorenzen im hohen Schnee muss wundervoll sein

 

Nachdem wir dann unsere Dorfrunde gegangen waren, richtete ich mir auf dem rustikalen Holztisch auf der Veranda meinen Schreibplatz ein. Ich kuschelte mich mit meiner Wolldecke auf die Holzbank und stellte mir vor, wie es in St. Lorenzen wohl im Winter aussehen würde, wenn in der WM-Gemeinde der Skibetrieb beginnt und mein verschlafenes Dorf von lebhaftem Skitreiben eingenommen wird.

Ich stellte mir den Kreischberg schneebedeckt vor und schaute hinüber zur Gondelbahn. Vor meinem geistigen Auge sah ich die langen Schlangen von Skifahrern stehen, die hinauf wollen auf eine der zahlreichen Pisten. Von der Weltcupabfahrt bis hin zum Anfängerhang, Skischulen, Skiverleih, ist hier alles vorhanden. „Das müsste man vielleicht auch einmal ausprobieren“, dachte ich und fing an zu tippen.

Wie war das noch … gestern und vorgestern …

 

Kleiner Nachtrag:

Dass die Steiermark ein Ort von großen Gegensätzen sein kann, könnt ihr kommende Woche im Berg und Tal Report 4 lesen.

Wer die ersten Teile meines Berg und Tal Reports versäumt hat und Lust hat, mehr zu lesen, findet die ersten zwei Teile hier.

Vom Anti-Mobilisten zum Kilometerfresser – Berg und Tal Report 1

Einmal Pizza ohne Hund, bitte! – Berg und Tal Report 2

Einmal Pizza ohne Hund, bitte! – Berg und Tal Report 2

Da Silvano, eine der besten Pizzerien der Steiermark

 

 

Wie wir den Finley zum Beifahrer gemacht haben, habe ich Euch ja schon im ersten Teil meines Reiseberichtes geschildert (lest mal hier). Jetzt waren wir also unterwegs, es lagen 1200 Kilometer in brütender Hitze vor uns und im Heck hechelte mein Murmeltier.

Es freut mich sehr, dass ich berichten kann, dass unsere Fahrt vom hohen Norden in die südlichen Gefilde ohne störende Vorkommnisse verlief. Wir haben häufiger Pausen eingelegt und sind dafür auch öfter einmal von der Autobahn heruntergefahren. Finley konnte sich im Grünen die Pfoten vertreten, frisches Wasser trinken, und das Wichtigste – er war immer bei uns. Ob schnelle freie Strecken, Brotpausen oder das bisserl Staufahren um München herum, er machte das alles grandios mit. Guter Junge.

 

Ein wenig Abkühlung kann nicht schaden

 

Um 4.00 Uhr morgens waren wir in Hamburg losgefahren. Gegen 19.30 Uhr kamen wir in unserem Quartier in St. Lorenzen an. Nach 16 Stunden auf der Autobahn bei tropischen Temperaturen, hatten wir den Jim-Block-Idealzustand erreicht – „well done“. In der Steiermark hingegen wurden wir von einem Regenschauer empfangen. Das war nicht schlimm, denn ein bisschen Abkühlung konnte bei diesen Temperaturen wirklich nicht schaden. Hundemüde aber glücklich, endlich wieder einmal die Beine durchstrecken zu können, stellten wir unsere Reisetaschen in die Zimmer unseres schönen Ferienhauses und machten uns ein wenig frisch.

 

Finley dreht seine erste Runde

 

Währenddessen unternahm Finley seinen ersten Erkundungsgang. Wir ließen ihn laufen, denn das Häuschen war idyllisch gelegen, weitab von stark befahrenen Straßen. Ich entspannte unter der Dusche, hörte wie Finley bellte und gleich darauf das martialische Fauchen einer Katze. Hach ja, offensichtlich hatte Finley einen kleinen Freund gefunden … Ich weiß, ich hätte jetzt von Besorgnis getrieben, halbnackt vors Haus stürzen müssen aber hey, ich dachte… das können die auch mal unter sich ausmachen ….  Die steierische Realität gab mir Recht, mein Bärchen kam zufrieden von seinem Wiesen-Ausflug zurück. Sein Blick sagte: „Hab nur mal kurz klargemacht, wer hier jetzt der neue Wiesenchef ist, für die nächsten sechs Tage.“ Hey Frauchen, echt alles schön hier….

 

Wir freuen uns auf unsere Familie

 

Mein Mann ist gebürtiger Steirer. Und im Herzen, wo wir Hamburger die berühmte Raute tragen, wächst bei ihm ein Edelweiß. Deshalb bedeutet für uns Österreichurlaub auch immer ein Wiedersehen mit der Familie. Der Sommerurlaub ist unsere Möglichkeit einmal im Jahr die Eltern, Schwiegereltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen zu treffen. Und weil wir es gar nicht abwarten konnten, war das erste Treffen schon am Abend geplant. Die Pizzeria „Da Silvano“, oben auf’m Berg war unser Ziel. „Da Silvano“ hatten meine Töchter im letzten Urlaub entdeckt und uns glaubhaft bestätigt, dass die Pizza dort „endgeil“ schmecken würde und die Auswahl schier grenzenlos sei.

 

Unser Cousin hatte schon im Vorfeld unseres Urlaubs dort für den Ankunftstag einen Tisch bestellt. Er sollte vorher abklären, ob wir Finley mit in das Lokal nehmen konnten. „Joaa, siiicher“ hieß es. Dass das nur für die Terrasse gilt, hat uns leider niemand gesagt. Was soll ich sagen, die Steiermark hat uns mit einem fetten Gewitter empfangen. Die Terrasse war also nicht nutzbar. „Duat mia leid“,sagte der Kellner, den ich nachfolgend liebevoll „derHorst“ nennen werde, „oaber in den Gastraum koa er net“. Hunde nicht erwünscht. Ups! Den kleinen Shiba Inu an Tisch Sechs hatten sie wohl übersehen. Oder er ging da zulande als Katze durch. Shiba müsste man sein …

 

Gastfreundschaft wird in der Steiermark gross geschrieben

 

Mei, so eine Aufregung. Die Tante explodierte fast vor Empörung. Nun muss man wissen, dass in der Steiermark Herzlichkeit und Gastfreundschaft sehr großgeschrieben werden. Eigentlich wird immer alles möglich gemacht, dem Gast soll es gut gehen. So kennen wir das – eigentlich. Aber es gibt halt überall diesen einen „derHorst“, der das nicht weiß, nicht will oder … was auch immer…

 

In diesem Moment vor der Gastwirtschaft waren wir zuerst alle ein wenig ratlos. Stimmungsmäßig befand ich mich längst im gehobenen Quieks-Kicher-Modus. Mein inneres Ooohhmmm hatte seinen Klappliegestuhl aufgestellt und hatte es sich darin bequem gemacht. In der einen Hand hielt es ein Räucherstäbchen, mit der anderen Hand fächerte es mir die beruhigenden Rauchschwaden lächelnd ins Gemüt. Ich entschied mich für Schadensbegrenzung. Das Familientreffen sollte wie geplant stattfinden und wir hatten alle einen Bärenhunger. Die Familie sollte in den Gastraum gehen und ich würde mir mein Essen ans Auto bringen lassen und bei Finley bleiben. Finley konnte sich so an der Schleppleine schon’n büschen die Beine vertreten, 16 Stunden Kofferraum waren echt lang genug. Ich bestellte eine Pizza Suli und ein grosses Spezi. Dann schaute mich zum ersten Mal ganz in Ruhe um und dachte: Aber hey, sonst ist alles toll hier.

 

„derHorst“ – ein gut ausgebildeter Vollzeitkellner

 

Etwa 20 Minuten wurde angerichtet. „derHorst“ brachte mir meine Pizza und mein Spezi. Die Pizza in einem durchgesuppten Karton, mit eingeschmierter Serviette und einem stumpfen Messer. Wie liebevoll drapiert, dachte ich bei mir, ich könnte glatt noch die nächsten vier Wochen jeden Tag hier essen gehen. Lernt man sowas auf der Hotelfachschule? Da das ganze ja in meinem Auto stattfand beschlich mich trotzdem ein schemenhaftes Gefühl von Heimat. Mal ehrlich Leute, das hätte man besser machen können. Die ganze Panne hätte man mit ein bisschen Phantasie doch noch retten können. Mindestens hätte ich die Pizza auf einem kleinen Hocker, auf richtigem Geschirr, nett mit Stoffserviette und ein paar netten Worten serviert.

 

Zugegeben, die Pizza sah echt lecker aus. Dicht belegt mit Anchovis, Thunfisch und mindestens 12 ganzen schwarzen Oliven. Der geschmolzene Käse hatte genau die richtige, schlunzige Konsistenz, so wie ich es liebe. Wie sich später herausstellen sollte, waren die Oliven nicht entkernt – aber hey, sonst war alles toll hier. Ausnahme das mitgelieferte Messer. Dieses doofe Messer schnitt leider nicht durch die Pizza und wenn ich stärker drückte, ging der aufgeweichte Karton kaputt. Und ölige Tomatensoße auf den Autopolstern wollte nun nicht auch noch.

 

Lass ich mir patentieren – Pizza Origami

 

Die Not macht ja bekanntlich erfinderisch. An diesem Abend erfand ich die Pizza-Origami. Ich faltete den Teiglappen fünf Mal ineinander und hatte am Ende so etwas wie einen überdimensionalen Döner – nur auf italienisch. Außerdem war ich wild entschlossen, jede Sekunde meines Urlaubs in der steirischen Wildnis zu genießen. Also stellte ich mich nah an den Abgrund. Ja, wir Norddeutschen bezeichnen jede Steigung unter 13% auch als Abgrund, isso. Nur mit Mühe konnte ich den Jodler unterdrücken, der gerade versuchte sich Bahn zu brechen. Dann biss ich mit Wonne in meine Pizza Origami und … auf einen Olivenkern. Egal, sonst ist echt alles schön hier.

 

Humor ist wenn man ….

 

Da stand ich nun, höher als meinem Gleichgewichtssinn je guttun würde und spuckte Olivenkerne auf steirische Abgründe. Ich verteilte sie gleichmäßig nach rechts und links und meine Gedanken schweiften ab oder sollte ich besser sagen, sie entglitten mir? Vor meinem geistigen Auge entstand das Bild eines satten, blühenden und eine gute Ernte ergebenen Olivenhains, den die Steiermark nur mir zu verdanken hätte. Sie würden ihn dereinst unter Begleitung der schmissigen Musik der örtlichen Blaskapelle auf den Namen „Birgits random Olivenhain“ taufen. Meine Familie bekäme Pizza Origami frei auf Lebenszeit und … Finley saß längst ruhig und andächtig neben mir. So als ob auch er unseren Olivenhain sehen könnte und sich gerade überlegte, in welcher Reihenfolge er die Bäumchen markieren würde.

 

Die Cheeeefin woa net amused

 

Zurück in der Realität, hatte ich aufgegessen und stand nun vor einem Berg Müll und gebrauchtem Geschirr, den es loszuwerden galt. Ich machte mich also auf den Schankraum und traf auf die Chefin des „Da Silvano“. Ich drückte der verdutzten Frau den Karton, Besteck und das Colaglas in die Hand und bat sie, alles für mich zu entsorgen. Sie war etwas aufgebracht, als sie erfuhr, dass einer ihrer reservierenden Gäste am Auto gegessen hatte und bei der kommenden Mitarbeiterbesprechung wollte ich sicher nicht der „derHorst“ sein.

 

Die Chefin ließ es sich nicht nehmen mich zu einer Portion hausgemachter Tiramisu und einem Cappuccino einzuladen. Ich nahm dankend an, Finley durfte sich neben mich legen und so nahm der Abend dann doch noch einen versöhnlichen Ausklang. Also wenn man dann auf das große Ganze schaut, dann ist doch wirklich alles total schön hier…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Anti-Mobilsten zum Kilometerfresser – Berg und Tal Report 1

Totalverweigerung ist keine Lösung … sagt Frauchen

 

Als wir morgens zum Urlaubsbeginn vor unserem vollgepackten Auto standen, war noch gar nicht sooo klar, ob wir einfach einsteigen und abfahren können. Denn Finley hasst es Auto zu fahren und zwar mit Inbrunst. Vor zwei Jahren hat er aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen den Fahrbetrieb eingestellt. Jede kleine Strecke wurde zur großen Katastrophe. Ich war echt froh, dass unsere Tierärztin fußläufig zu erreichen ist. Und dieses Mal lagen 1.200 KM vor uns – eine ganz andere Hausnummer.

 

Weil ich unsere Verwandten gerne einmal wiedersehen wollte aber es gleichzeitig für mich überhaupt nicht in Frage kam, Finley zuhause fremdbetreuen zu lassen, musste ich mir also etwas einfallen lassen. Anfangs war es so schlimm, dass es Finley nicht einmal möglich war an meinem Auto ruhig vorbeizugehen. Er scheute jedes Mal wie in hochgezüchteter Araberhengst und ich hatte alle Hände voll zu tun, Ihn wieder zu beruhigen.

 

Steiermark wir kommen … vielleicht, eventuell, unter gewissen Umständen

 

Also hatte ich zum Jahresbeginn einen Plan entwickelt. Aus Finley dem Anti-Mobilisten sollte Finley der Kilometerfresser werden. Dem Versuch, Finley zum idealen Beifahrer zu machen, stand jetzt nichts mehr im Weg, außer vielleicht Finley selbst. Natürlich nutzte ich nur gaaaanz saaanfte Methoden und – wie sagt man so schön – war liebevoll und konsequent. Mein Heckklappen-Wiedereingliederungs-Programm für bocklose Retriever-Rüden startete.

Ich holte also den Clicker aus der Mottenkiste und tackerte die Leckerlitasche an der Hüfte fest. Zuerst gingen wir einfach immer wieder an unserem Auto vorbei. Jeden Entspannungsmoment in der Nähe des Autos belohnte ich mit einem Klick und einem Keks. Ohne Leckerchen haperte es anfangs noch ein wenig aber das haben wir dann später auch hinbekommen.

 

Verbinde die Abneigung mit einer Aufgabe, die Spass macht

 

Im nächsten Schritt habe ich Finley immer dann mit zum Auto genommen, wenn ich etwas einpacken wollte oder etwas ins Haus bringen wollte. Er bekam etwas zum Tragen und wir packten es dann in den Kofferraum. Er sollte sehen, dass zum Auto gehen nicht zwangsläufig bedeuten würde, dass er auch fahren müsste. Auch das hat wieder etwas mehr Entspannung gebracht. Den Clicker hatten wir dann relativ schnell wieder in die Schublade gepackt, denn ich hatte das Gefühl, dass Finley so besser auf mich achtete. Ich will hier gar nicht im Einzelnen erzählen, welche Stationen wir noch durchlaufen haben und welche Rückschläge es gab. Nur soviel – Demut ist eine Tugend.

 

Die Eine-Millionen-Euro-Frage: Warum zum Donnerdrummel tut er das?

 

Was mich aber während der gesamten Trainingsphase beschäftigte, war die Frage nach der Ursache von Finleys Verhalten. Ich hatte mich gedanklich total darauf versteift, dass ich nur erst einmal wissen müsste warum Finley sich so bockig verhielt und dann würde mir die richtige Strategie schon einfallen. Das große Problem war, dass ich nicht wusste warum Finley sich so verhielt. Übrigens bis heute nicht. Auf einem Fortbildungsseminar von Udo Gansloßer erzählte ich davon und auch davon, dass unser Trainingserfolg stagnierte (freundlich ausgedrückt). Dann fragte Udo Gansloßer wie alt Finley sei und wann er das Autofahren eingestellt habe. Ich antwortete wahrheitsgemäß, er sei 9 Jahre alt und wäre seit gut zwei Jahren in kein Auto mehr eingestiegen.

 

Danke +++ Danke +++ Danke +++ Danke +++ Danke

 

Udo Gansloßer berichtete, dass Hunde, wenn sie älter werden um das sechste oder siebente Lebensjahr herum genau das tun würden, was Finley gerade tat. Sie stellen die Tätigkeit, die sie ohnehin am meisten hassen einfach ein. (Stark vereinfacht wiedergegeben) Und zwar ohne, dass es irgendein einschneidendes Ereignis gegeben hätte. Wichtiger als eine Trainingsstrategie sei, dass man die Beziehung zum Hund stärke, damit er das Gefühl entwickele, dass er das was man möchte gerne für einen machen möchte. Außerdem sei es nötig dem Hund sehr klare und unmissverständliche Botschaften zu senden über das was man möchte. Das klang für mich total einleuchtend. Der Knoten im Kopf ging auf und ich relaxte ein bisschen.

 

Einfach nutzen, was man schon erarbeitet hat – simpel aber effektiv

 

Beziehungsarbeit und klare Kommunikation also … na bitte, dann eben so. Denn wenn man weiß, was der eigene Hund nicht mag, dann weiß man auch was er toll findet. Und nach neun Jahren Zusammenleben konnten Finley und ich auch gut miteinander kommunizieren. Finley wurde beschmust, beschäftigt und gebürstet. Vor dem Auto stehend achtete ich auf jeden Wimpernschlag meines Hundes. Versuchte er dem Auto auszuweichen, quittierte ich das mit einem kurzen NEIN. Zeigte er Ansätze einzusteigen, lobte ich ihn und ermutigte ihn. Vor allem aber ließ ich mich nicht aus der Ruhe bringen und machte durch meine Haltung unmissverständlich klar, dass ich nicht von dem Auto weggehen würde, bevor er dort eingestiegen war.

 

Steter Tropfen höhlt den … und so weiter und so weiter und so weiter

 

Und dann stieg er ein, manchmal blieb er sogar drinnen. Wenn er tatsächlich im Heck sitzen blieb und ich die Klappe schließen konnte, sprang ich mit Gejubel ins Auto und fuhr mit ihm zu einem der naheliegenden Seen und er durfte schwimmen gehen. Das machte ich so oft, bis er das Autofahren auch mit etwas Positivem verbinden konnte. Er hatte seine Abneigung vor dem Autofahren abgelegt. Na sagen wir mal, fast. Als unser Sommerurlaub gewissermaßen vor der Garagentür stand, war ich schon ein wenig aufgeregt. Würde Finley seine Scheu überwinden können? Alles war fertig, der Wagen stand aufgetankt auf dem Parkplatz, der Dachkoffer war voll bepackt, unsere Mädels saßen bereits auf der Rückbank und Finleys Platz im Heck war feudal ausgestattet mit Thermokissen und Kühlmatte. Wir standen davor und ich sagte „hopp“. Finley guckte sehr skeptisch, zögerte kurz und machte dann einen fulminanten Satz ins Heck. Dann legte er sich ab und ich konnte die Klappe schließen. Mein Herz pochte vor Erleichterung aber auch ein bisschen vor Stolz. Steiermark wir kommen! Alle!