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Willkommen in Testosteroncity

King George die neue Herausforderung

 

Foto: pixabay

 

 

Morgennebel der besonderen Art

 

Also, als wesensfester … hüstel … Retriever hat man es in unserem Vorstadtring nicht gerade leicht. Wir haben in unserer Wohnstraße, im Verhältnis zu normalen Wohngebieten, eine ungewöhnlich hohe Rüdendichte. Wenn man zeitig, also so gegen 5.30 Uhr morgens aufsteht, kann man beobachten, wie anstatt der ortsüblichen Nebelschwaden, kleine Testosteronwölkchen über die Wiesen wabern.

Ich habe mal durchgezählt, es wohnen mehr als 15 Rüden in unserer Straße. Am Ostende unseres Ringes wohnt und herrscht Enrico C., ihr wisst schon, der große Schweizer mit dem abrissbirnengroßen Schädel. Über ihn habe ich ja schon mehrfach auf meinem Blog berichtet, zuletzt HIER.

Das Gebiet am Westende unseres Ringes beanspruchen Dobermann Rudolf und Beagle Oskar gleichermaßen. Was in regelmäßigen Abständen zu Grabenkämpfen epischen Ausmaßes führt, weil auch noch Foxi der Yorkshire Terrier und der italienische Zuwanderer Luigi dazwischen wohnen, und auch ein Wörtchen mitreden wollen. In der Regel wird dann ein Besuch unserer Tierärztin auf Rädern erforderlich.

 

Der König und sein Reich

 

Heute erzähle ich Euch aber mal von George, dem kleinen Westhighland Terrier aus Nummer 17d. Ich nenne ihn auch liebevoll den hysterischen Idefix. Er wohnt in der Mitte der Siedlung, im Eckhaus am Kinderspielplatz, was es ihm offenbar sehr schwer macht, sich zu entspannen. Denn es ist in einer Ringstraße nun einmal nicht zu vermeiden, dass ab und an ein paar Autos oder Fahrradfahrer vorbeifahren, eine Gruppe Kinderwagen-Muttis mit ihren Dreirad-Profis auf dem Weg zum Spielplatz vorbeidümpeln, oder eben auch Menschen mit anderen Hunden an seiner Grundstücksgrenze entlang schlendern.

 

Grenzverletzungen werden nicht geduldet

 

Für King George ist das allerdings eine Majestätsbeleidigung. Der Begriff Terrier leitet sich in seinem Fall vom Wort territorial ab. Will sagen, alles was atmet hat aus seiner Sicht einen Mindestabstand von zirka einem Kilometer zu seiner Grundstücksgrenze einzuhalten. Ein Wunsch, den wir ihm in einer Reihenhaussiedlung nur schwerlich erfüllen können.

Sehr zum Leidwesen des Westis, sind weder die menschlichen Bewohner, noch ihre tierischen Begleiter bereit, sein Herrschaftsgebiet freiwillig zu verlassen. In diesem Punkt sind sich sogar Hunde und Katzen einig.

 

Moni hat alles im Griff – außer George

 

„George der Einzige“ ist nun schon sechs Jahre lang der Monarch des Flurstücks 5698. Oder anders ausgedrückt, er wohnt bei einer Lehrerfamilie. Die Frau ist Religionslehrerin und managt neben ihrem Job noch drei sehr lebhafte Kinder und ihren total vertrottelten Mann Helmut. Dass Georges Erziehung dabei auf der Strecke geblieben ist, muss man ihr verzeihen.

Helmut ist Chemielehrer am örtlichen Gymnasium. Ich mag mir gar nicht vorstellen welcher Gefahr die Kinder der Sekundarstufe ausgesetzt sind, wenn Helmut eine chemische Versuchsanordnung im Schullabor konzipiert. Es scheint ihm koordinativ ja schon Schwierigkeiten zu bereiten, die Schnürsenkel seiner Turnschuhe zuzubinden, bevor er mit George an der Rollleine, seine Runde zieht.

 

Wir machen uns unsichtbar

 

In der Regel vermeiden Finley und ich, den Weg neben Georges Grundstück. Manchmal aber, so wie neulich, versuchten wir uns vorbei zu schleichen. Finley schnupperte, betont gelangweilt, an den Blümchen der Vordergärten auf der anderen Straßenseite und ich gab mir alle Mühe, eine Aura der Harmlosigkeit um mich herum zu erzeugen. Wir hatten schon fast die Hälfte der Strecke geschafft, da entdeckte ich ihn. King George der Einzige hockte an der Seitenpforte und starrte uns an. „Wir gehen einfach weiter“, flüsterte ich Finley zu. Finley, schnupperte also weiter und observierte den Westi im Augenwinkel.

 

Der King zeigt seine Zähne

 

Im allerletzten Moment, wir waren quasi schon fast weg, legte George los: „Wauwauwau … haut ab, ihr Mistkäfer … wuffffwuffff … ich bin hier der Chef … jauuulknurrrr … kniet nieder, ihr Schmeißfliegen … weffffweeeeffweeefff … ich mach euch fertig …“ Je hysterischer und höher sein Ton wurde, desto hektischer und ungebremster wetzte er an seiner Zaungrenze auf und ab. Er sprang an der Pforte hoch, fletschte die Zähne und knurrte. Finley blieb bei der ganzen Show erstaunlich ruhig, ab und an mal ein reduziertes Knurren oder Wuffen: „Reg‘ dich mal ab, Kleiner …“, schien er zu sagen. Ich hatte ihm mühsam beigebracht, dass alles, was hinter einem Zaun stattfand, für uns keine reale Bedrohung bedeutete.

 

King George büxt aus

 

Tja, und dann änderte George der Einzige die Bedingungen. Er zwängte sich unter der Pforte hindurch, und kam in äußerst schlechter Stimmung auf Finley und mich zugeschossen. Dann bremste er ab, kläffte und knurrte und lief die halbe Strecke wieder zurück. Allerdings nur, um Anlauf zu nehmen für den nächsten Angriff. Ich hatte inzwischen die Leine losgelassen, denn in solchen Situationen bin ich für Chancengleichheit. Wenn ein kleiner Hund wie George sich aufführt, wie ein schlecht erzogener Rottweiler, dann ist mir der Größenunterschied piepegal.

 

Finley macht die Waffen klar

 

Finley stand noch immer an seinem Platz, allerdings schien es für ihn an der Zeit zu sein, dem wilden George zu zeigen, dass er sein Gebiss auch dabeihatte. Von Helmut oder Moni, seiner Frau war nichts zu sehen. Ganz anders die übrigen Nachbarn. Die standen in ihren Vorgärten, zwei hatten sich sogar Klappstühle hingestellt und setzten sich. Ich kam mir ein bisschen vor, wie ein Kämpfer in einer Arena. Die Zuschauer wollten etwas geboten bekommen. Und sie bekamen etwas geboten.

 

Typisch Lehrer – voll die Übersicht…

 

Denn in dieser Sekunde kam Helmut um die Ecke geschossen und rief verwirrt: „Was ist … wo ist … Georgiiiiiie … was machst du da … stehen bleiben … sofortsteheeeenbleeeeiiiiiibeeeeeen!“

Als Helmut merkte, dass sein Georgie so gar nicht auf ihn reagierte, fackelte er nicht lang. Der einmeterneunzig große Hühne nahm Anlauf, sprintete auf seinen Hund zu, sprang ab, hob ab und landete mit einem formvollendeten Touch down auf seinem Hund. Mir blieb der Atem stehen und Finley ging es offensichtlich genauso.

 

George, der Erfinder des Pressed Breathing

 

Ich war fast erleichtert, als sich George unter der Halsbeuge seines Herrchens hervorarbeitete und seinem Unmut weiterhin freien Lauf ließ. Helmut klemmte sich das zappelnde Tier unter den Arm, und ging wieder in Richtung seines Gartens. Kurz vor der Pforte drehte er sich um und rief Finley ungelogen zu: „So einen kleinen Hund zu erschrecken – schäm dich!“

Tja, so kann man den ganzen Auftritt natürlich auch interpretieren. Das war ganz sicher einer der Momente, in denen sich eine Entgegnung nicht lohnte. Ich zuckte mit den Schultern und schaute ratlos ins Publikum. Einige winkten ab, die Nachbarn sprachen durcheinander, „Das ist immer so mit denen … nie ist der Schuld … unverantwortlich … da passiert noch mal was … Finley, den hättest du dir ruhig mal vornehmen können…“. Ähm nein, dachte ich still, gut dass du das nicht gemacht hast Finley.

 

Manchmal hilft Reden – zumindest für eine Weile

 

Etwas später habe ich noch einmal bei Moni und Helmut geklingelt. Wir haben dann besprochen, wie wir das in Zukunft handhaben wollen, wenn wir uns im Wald treffen, und ich habe versprochen, die Westkurve unseres Ringes nur noch ohne Finley zu begehen. Seitdem ist es zwar nicht friedlicher geworden aber immerhin sicherer. Auch wenn ich finde, dass irgendwer dem Helmut mal die Sperrfunktion seiner Rollleine erklären sollte. Aber davon erzähle ich Euch mal ein anderes Mal.

 

 

 

Dogwalk – Wie Hunde freudig folgen

 

Gemeinsam unterwegs – Ideen für eine glückliche Mensch-Hund-Beziehung

 

 

 

Kommunizieren und eine Einheit bilden

(Ursula Löckenhoff)

 

Auf unseren Spaziergängen treffen Finley und ich auch öfter auf größere Hundegruppen. Manchmal sind alle Halter dabei, ein anderes Mal hilft einer dem anderen aus und nimmt den Nachbarhund mit auf die Runde. Wieder ein anderes Mal treffen wir auf unsere örtliche Dogwalkerin mit ihrer Truppe. Es ist eigentlich egal, wen wir treffen. Es ist immer eine Herausforderung, nur aus unterschiedlichen Gründen.

 

Gemeinsam die Herausforderungen des Hundealltags meistern

 

Jedes Treffen ist auf seine Weise lehrreich. Stoßen wir auf unsere Plappertruppe, wissen wir, dass im Schnitt fünf bis acht Hunde unterschiedlichster Couleur quasi führerlos vor sich hin dümpeln. Die Begleit-Frauchen arbeiten den Dorfklatsch der letzten Woche auf. Für Finley und mich bedeutet das, dass wir die Entscheidung, ob es ein Zusammentreffen der Hunde geben soll oder nicht, ganz alleine treffen müssen.

Macht unsere Nachbarin X den Wald mit ihrer Dalmatinerhündin Daisy, die eher ängstlich auf andere Hunde reagiert, zusammen mit dem Berner Sennen Rüden Rufus von Nachbarin Y unsicher, dann weichen Finley und ich sofort auf einen anderen Waldweg aus. So vermeiden wir einen Konflikt zwischen den Rüden.

 

Zwischenmenschliche Kommunikation

 

Am einfachsten läuft es mit der Dogwalkerin aus unserer Vorstadt. Da ist alles abgesprochen. Ihre Hundegruppe ist sich selbst genug. Kontakt von außen ist nicht gern gesehen, was ich gut verstehen kann. Sie hat ihre Truppe im Griff. Die Hunde werden am Wegesrand abgesetzt und Finley und ich können ungehindert an ihnen vorbeigehen.

 

Jede Strategie eignet sich auch für die Einzelhundehaltung

 

Wie man Hunde so führen kann, ihnen klare Strukturen geben kann, ohne dabei auf klassische, operante Methoden der Hundeerziehung zurückgreifen zu müssen, zeigt Ursula Löckenhoff in diesem Buch.  Das Buch Dogwalk ist zwar auf das Zusammenleben mit größeren Hundegruppen ausgerichtet, dennoch finde ich, dass man auch als Einzelhundeführer sehr viel daraus lernen kann. Trifft man auf eine größere Hundegruppe ist das, was man aus diesem Buch lernen kann sicher hilfreich. Man kann das Gruppengefüge innerhalb der Gruppe sicherlich besser einschätzen. Vielleicht erleichtert es auch den Umgang der Menschen untereinander.Das wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert.

 

Sie liebt die Hunde, mag aber auch die Menschen

 

Was mir an diesem Buch so gut gefällt ist, dass die Autorin nicht nur versucht zu zeigen, wie man seinen Hund besser versteht und führt, sondern dass sie auch den Menschen, die das leisten sollen genug Aufmerksamkeit schenkt. Hemmungen abbauen, Stimmentraining, sich die eigene Körpersprache und Mimik bewusst machen, sind wichtige Faktoren, über die sich Hundehalter Gedanken machen müssen.

 

Der Leser lernt, warum sich sein Hund im Wald anders verhält als auf einer flachen Wiese. Dass die Stadt als Revier noch einmal andere Anforderungen stellt und wird von Ursula Löckenhoff über ein mentales Hindernis nach dem anderen geführt. Ursula Löckenhoff macht uns Menschen quasi geländegängig. Es gibt einen stetigen Wechsel, zwischen Regeln aufstellen und Freiraum geben und das alles ohne den Einsatz von Leckerchen. Belohnt wird durch Taten, Ruhezeiten oder Massagen und Ruhezeiten. So lernt der Mensch seinem Tier die Freiräume zu geben, die sinnvoll sind und eine innige Gemeinschaft mit seinem Tier zu bilden.

 

Fazit zu diesem Buch

 

Ich habe in diesem Buch viel von dem gelesen, was ich täglich praktiziere und noch mehr von dem, was ich täglich an Mensch- und Hund-Teams weitergeben möchte. Absolut lesenswert!

 

Wer ist Ursula Löckenhoff

 

Ursula Löckenhoff ist Hundephysiotherapeutin und aktive Tierschützerin. In ihrem Hundehotel „Bene Bello“ bietet sie Unterkunft mit Familienanschluss, macht Dogwalks mit ihren Hundegästen und leitet Trainings für Hunde mit Erziehungsdefiziten. Als Hunde- und Tierschutzexpertin ist sie regelmäßig Gast im Fernsehen.

 

Dogwalk

Wie Hundefreudig folgen

Autor: Ursula Löckenhoff

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

ISBN: 978 344 0153 598

Preis: 24,99 Euro

 

 

 


 

 

Dieser Artikel enthält Werbung. Der obenstehende Link ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr Euch entschieden habt, das Buch zu kaufen und den Weg über diesen Link in meinem Blog zu gehen, würde mich das sehr freuen. Euch entstehen dadurch keine Kosten. Ich erhalte dann eine kleine Provision, die ich wieder in die Pflege des Goodfellows Hundeblogs und die Umsetzung neuer Ideen auf meinem Blog, investieren kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Wadenbeißern, Fußhupen und Grobmotorikern

Kleinhund versus Großhund, das muss nicht sein

 

Finley und seine Zwergschnauzerfreundin Loki

 

Mir als „Großhund-Besitzerin“ fällt immer wieder auf, mit wie vielen Ängsten doch Kleinhundehalter belastet sind. Sei es nun im Wald beim Spaziergang oder in den Posts in den FB-Hundegruppen. Das Ausmaß der Ängste ist manchmal erschreckend und die Schlussfolgerungen, die Halter kleiner Hunde daraus ziehen, gehen leider manchmal an den biologischen Realitäten vorbei.

Eigentlich, so dachte ich bei mir, kann man so einen Artikel ja überhaupt nicht schreiben, ohne dass man irgendjemandem dabei auf die Füße tritt. Aber kneifen wollte ich vor diesem Thema auch nicht. Ich habe es ehrlich versucht, der Gesamtsituation einigermaßen gerecht zu werden.

 

Kleine Hunde können große Hunde in die Schranken weisen

 

Die Perspektive, die ich gewählt habe ist eigentlich eher die einer Halterin eines großen Hundes, die die ganze Aufregung um das Thema ‚Groß versus Klein‘ oder ‚Klein versus Groß‘ nicht mitmachen möchte. Denn meiner Meinung nach, müsste es dieses „Versus“ nicht geben. Dieser Artikel ist also auch ein Erfahrungsbericht und Ihr werdet lesen, dass Finley und ich es geschafft haben, dass kleine Hunde und ihre Besitzer in der Regel vor Begegnungen mit uns keine Angst haben müssen.

 

Einmal die geballten Vorurteile

 

Foto: pixabay

In der Hundewelt geht es ja manchmal sehr grob und schonungslos zu. Lasst uns doch mal schauen, wo wir mit unserem Thema stehen:

Kleine Hunde sind keine richtigen Hunde, Wadenbeißer, Fußhupen, verwöhnte, kläffende Biester. Große Hunde sind tollpatschige, distanzlose Riesen, die ihre kleinen Artgenossen rücksichtslos überrennen.

Halter von kleinen Hunden halten es nicht für nötig, ihre verhätschelten Lieblinge zu erziehen und kümmern sich nicht um das Verhalten ihrer Hunde und wenn was passiert, sind immer die anderen schuld.

Halter von großen Hunden, ist es nur wichtig, dass ihr Großer zu seinem Recht kommt. Sie nehmen keine Rücksicht auf kleine Hunde, denn ihrer ist ja körperlich überlegen. Es ist ihnen egal, ob der Kleine sich verletzt.

Puhhh, ich bin erschöpft. Das sind mal grob zusammengefasst die Vorurteile, die wir Hundehalter uns täglich gegenseitig an den Kopf werfen. Irgendwo steckt da überall ein Fünkchen Wahrheit drinnen.

 

Der Mensch muss seine Ängste zuerst abbauen

 

Aber wisst Ihr was? NICHTS davon spielt in der Interaktion unserer Hunde untereinander eine Rolle! Wir Menschen sollten uns dringend fragen: „Über wessen Ängste sprechen wir hier eigentlich? Sind es nicht vorwiegend die Ängste von uns, den Hundebesitzern? Hunden ist das, was wir wahrnehmen, nämlich wie klein und verletzlich zum Beispiel ein Dackel, Pudel oder Jack Russel ist, vollkommen egal. Sie beurteilen ihre „Größe“ nicht nach der Rückenhöhe. Nein, Sie beurteilen das Ego ihres Gegenübers. Wie ist seine/ihre Körperhaltung, wie riecht er/sie, versteht er/sie meine Signale? Hunde sind da viel klüger als wir, denn sie wissen, dass es tatsächlich auf die inneren Werte ankommt.

 

Ein gutes Management hilft den Hunden

 

Foto: pixabay

Sicher, der Größenunterschied ist da, aber kann man das nicht managen? Ich behaupte ja.

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass die Halter auf beiden Seiten ein Bewusstsein für ihre jeweilige Verantwortung entwickeln und diese Verantwortung dann auch übernehmen. Diese Verantwortung wiegt meiner Meinung nach auf beiden Seiten gleich schwer. Und auf beiden Seiten – jetzt wird es brenzlig für mich – wird diese Verantwortung oft im gleichen Maße ignoriert.

 

Nehmen wir mal den Klassiker: Ein großer Hund läuft ungebremst auf einen kleineren Hund zu. Der kleine Hund zeigt deutlich an, dass ihm das unangenehm ist, das kümmert den Großen aber nicht. Nachdem alle Demutszeichen versagt haben, fängt er an zu kläffen, der große Hund macht trotzdem weiter.

 

Das Gefühl ausgeliefert zu sein ist unangenehm

 

Mich erinnert das irgendwie an meine Kindheitstage. Wenn meine Tante Thorwalde (Name nicht geändert) auf unseren Familienfesten auftauchte, lief es meistens folgendermaßen ab. Diese wirklich riesengroße, breitschultrige, blonde Frau schritt durch die Esszimmertür, steuerte dann den Kindertisch an, riss mich aus meinem Stuhl, drückte mich an sich und beerdigte mich dabei unter ihrem bebenden Tantenbusen. Dann zog sie mir mit ihren Fingern links und rechts, jeweils eine Falte aus der Wangenhaut und schüttelte meinen Kopf kurz hin und her und brüllte „na, meine Süsse“ in den Raum. Das war gruselig.

 

So in etwa stelle ich mir vor, muss sich ein kleiner Hund fühlen, wenn er von einem großen überrannt wird und Frauchen oder Herrchen beider Hunde nicht einschreiten. Ihr könnt‘ mir glauben, meine Tante war eine Seele von Mensch, sie liebte mich aufrichtig und sie wollte wirklich nur mal Hallo sagen. Das alles hat mir in der akuten Situation aber nicht wirklich weitergeholfen.

 

Gegenseitige Rücksichtnahme entzerrt die Situation

 

Im umgekehrten Fall, fühlen wir Großhundehalter uns aber auch manchmal falsch beurteilt. Wenn ein kleiner, aufgeregter Hund frei auf unseren angeleinten, großen Hund zuläuft, dann bellend vor ihm auf und ab springt, birgt das für den Kleinen gewisse Risiken.  Macht der kleine Hund das am vorderen Ende des großen Hundes, braucht dieser schon sehr viel Toleranz um das auszuhalten. Mal klar betrachtet springt der kleine Hund da jedes Mal in Richtung Schlund.

 

Keine gute Situation. Ich finde nicht, dass ein Hund, egal wie groß er ist, das unbegrenzt aushalten muss. Lässt der Hundehalter des kleinen Hundes das zu und reglementiert seinen Kleinen nicht, trägt er in meinen Augen die Hauptverantwortung für das Risiko seines Hundes.

 

Missverständnisse resultieren oft aus Unkenntnis

 

Ich habe solche Situationen mit Finley oft erlebt. Inzwischen lasse ich sofort die Leine fallen. Leider reagieren die Kleinhundehalter oft panisch, wenn ich das mache. Dabei entspannt es die Situation ungemein. Finley hat dann die Freiheit, von dem kleinen Hund wegzugehen und sich der Stalkerei zu entziehen. Setzt der kleine Hund nach, hindere ich diesen daran meinem Rüden zu folgen. Meist begleitet durch das Kopfschütteln der Kleinhundbesitzer, denn ihr Kleiner wollte doch nur spielen oder hallo sagen oder…. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es genau das Verhalten, welches mich an einigen Kleinhundbesitzern total nervt. Man klärt die Situation für sie, weil sie es nicht tun und wird auch noch angemacht. Upsi, jetzt habe ich ja doch noch gemeckert.

 

Hundebegegnungen souverän durchstehen, das kann man üben

 

Im Idealfall übt man solche Hundebegegnungen mit seinem Hund schon von klein auf an. Das erfordert allerdings eine gewisse Toleranz auf allen Seiten und die Fähigkeit einen selbstkritischen Blick auf sich und seinen Hund zu werfen. Es muss einem klar sein, dass die Begegnungen menschliche Begleitung brauchen. Und vor allem ist es hilfreich, wenn die beteiligten Menschen ruhig und ausgeglichen in diese Begegnungen gehen. Die ersten Begegnungen sollten deshalb möglichst kurzgehalten werden, damit sich der Stresspegel beim Menschen und beim Hund nicht ins Unendliche hochschraubt. Und mit „Stress“ meine ich nicht nur Angst. Auch Freude und Spaß sind Stress und können zu Überreaktionen führen. Und was uns Menschen betrifft – eine klare Kommunikation in gegenseitigem Respekt füreinander, könnte schon viele Situationen entschärfen.

 

Ist der Halter entspannt, steigen die Chancen auf eine harmonische Begegnung

 

Ich behaupte jetzt einmal ganz frech: Es gibt so etwas wie Harmonie zwischen großen und kleinen Hunden, wenn ihre Halter es zulassen. Finley und ich zelebrieren das jeden Donnerstag- und jeden Samstagmorgen. Da treffen wir uns mit Colette, Loki, Fritz und Dave. Colette ist eine Französische Bulldogge und die Chefin der Gang. Finley würde ihr niemals widersprechen. Loki ist Finleys liebste Spielpartnerin, sie ist noch jung und er hat sie unter seine Fittiche genommen. Sheltie Dave ist etwas unsicher, deshalb hat Finley gelernt (unter Anleitung) etwas Temperament herauszunehmen, wenn er ihn begrüßt. Dave hat begriffen, dass Finley nicht sein Feind ist und sucht manchmal Deckung hinter dem Großen, wenn ein fremder Hund auf uns zukommt. Und Fritz, ja Fritzi ist ein lustiger Senfhund aus dem Tierschutz. In ihm vereinigen sich optisch alle Kleinhundrassen dieser Welt. Er und Finley haben sich akzeptiert.

 

Die Kommunikation beginnt bei uns Hundehaltern

 

Das alles ist uns Menschen, den Haltern der Gang, nicht geschenkt worden. Wir haben gemeinsam daran gearbeitet. Manchmal gab es Rückschläge, dann musste schon mal einer „Gagstas“ seine Runde alleine zu Ende gehen. Wir Menschen haben uns davon aber nicht verschrecken lassen und haben es beim nächsten Mal mit einer anderen Strategie versucht. Es hat funktioniert, weil wir es wollten und weil jeder von uns bereit war Kompromisse einzugehen. Wenn es heute mal Tage gibt, an denen es nicht so entspannt läuft. Zum Beispiel, wenn sich eine Läufigkeit bei den Mädels ankündigt, dann splitten wir uns auf, bis die Hormone wieder im Lot sind.

 

Den Rückschlägen nicht so viel Gewicht einräumen

 

Mein Fazit sieht wohl so aus. Ja, es gibt die rücksichtslosen Großhundbesitzer und ja, es gibt auch die sorglosen Kleinhundbesitzer. Aber an Ihnen müssen wir uns ja nicht orientieren.  Ein Feindbild aufzubauen ist niemals nützlich, dem nachzugeben schon gar nicht. Was uns bleibt ist es, unserem Hund zuzugestehen Begegnungen mit großen und kleinen Hunden zu haben. Es macht uns als Hundehalter selbstbewusster, wenn wir lernen diese Begegnungen zu managen und unser Hund bekommt die Gelegenheit seine sozialen Kompetenzen auszubauen. Es hilft schon viel, wenn der eigene Hund das kann.