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Frau Nörgel, ein Blümchenpyjama und ein Fitnessguru

Finleys Unterhaltungsprogramm zum Wochenende

 

 

 

Die Stille genießen – nicht bei uns

 

Manchmal gehen Finley und ich auch am Samstag ganz früh raus. Um 6.30 Uhr liegt unsere Siedlung noch im Tiefschlaf. Wenn wir dann schläfrig durch unseren Garten gehen, herrscht eine ganz ruhige, friedliche Stimmung. Das sonst eher leise Quietschen unserer Gartenpforte erscheint dann plötzlich störend laut.

Doch dieses Mal wurde die Stille von einem anderen Geräusch unterbrochen. „Aaaaahhhh….“, dröhnte es über den Bonanza-Zaun. Finley und ich zuckten zusammen. Das war nicht unsere Pforte gewesen, nein das Stöhnen kam eindeutig aus dem geöffneten Panoramafenster meiner Nachbarin Frau Nörgel. Die Gardinen waren zurückgezogen und die Laute, die in den jungfräulichen Morgenhimmel entwichen, hörten sich sehr gequält an.

Frau Nörgel, für diejenigen, die sie noch nicht kennen, ist meine Nachbarin und meine persönliche Vorstadt-Nemisis. Sie hat uns alle, insbesondere mich, unter Wind und ist sofort am Zaun, wenn ihrer Meinung nach, etwas aus dem Ruder läuft in unserer Siedlung. Dabei ist es ihr total gleichgültig, ob sie die Geschehnisse etwas angehen oder nicht. Weitere Geschichten, in denen Frau Nörgel eine Rolle spielt, findet ihr am Ende dieses Artikels.

 

Ein ganz besonderes Panorama am Fenster der Nachbarin

 

Doch zurück zum Samstagmorgen. Finley tappelte unruhig auf seinen Pfoten hin und her. „Fiiiebwer, Seufzwas, Grummelwohin, sollichhelfennnn …“, schnaubte er verwirrt. Er überlegte wohl kurz, ob er versuchen sollte, mit einem großen Satz durch Frau Nörgels Fenster zu springen. „Warte mal kurz, mein Dicker“, sagte ich, „ich schau mal nach, was da los ist.“ Langsam schlich ich mich an das nörgelsche Panoramafenster heran und wagte einen scheuen Blick ins Wohnzimmer.

 

Eightys-Revival im Wohnzimmer

 

Wow! Was ich dort erblickte, machte mich sprachlos. Ich hatte alle Mühe ein Kichern zu unterdrücken. Frau Nörgel kniete vor ihrem Fernseher und war in das Morgenprogramm eines Lokalsenders vertieft. Ich sah einen Mann in Boxershorts, Muscle Shirt, weißen Socken und Sportschuhen. Fokuhila-Frisur und Stirnband deuteten darauf hin, dass es sich um eine etwas ältere Sendung handelte. „Hacke, Spitze, Hacke, Spitze“, skandierte der Mann. Hinter ihm hüpften vier stark geschminkte, blond gelockte Damen in pinkfarbenen Sportklamotten auf und ab.

 

Fitness in den Achtzigern – einfach gnadenlos

 

„Ja-das-soll-wehtun, das-soll-ziehen-und-brennen…“, feuerte Fokuhila-Joey seine Mädels und meine Frau Nörgel an. Offenbar war der Mann sadistisch veranlagt, anders konnte ich mir seine Worte nicht erklären. Wie wäre es denn mal mit, „hey, das soll Euch Spaß machen“ und „passt auf, dass Ihr nicht kollabiert“? Frau Nörgels Gesichtsfarbe hatte inzwischen ein strahlendes Pflaumenblau angenommen und auch bei den blonden Schönheiten im TV konnte das perfekte Achtziger-Jahre-Make Up nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass ihre Körper komplett übersäuert waren. Das alles kommentierte der gnadenlose Fitness-Frontman mit einem lapidaren: „Tja, meine Damen – von nichts kommt nichts.“

 

Cool down, Atemtechniken, alles gut

aber beim Outfit ist noch Luft nach oben

 

Immer zuerst an das Gute im Menschen glaubend, ging ich erst einmal davon aus, dass es sich hier tatsächlich nur um Frühsport handelte, so wie man das in den achtziger Jahren eben gemacht hatte. Jetzt erst bemerkte ich Frau Nörgels Outfit – einen hellblauen Blümchenpyjama, Model „Stretch 2006, Frühlingsfrische rund ums Jahr“.

Ich lehnte mich kurz an Frau Nörgels weiß gestrichene Hauswand atmete durch und versuchte mit aller Kraft nicht los zu prusten. Aus dem Fenster drang psychedelische Musik. Es ging einfach nicht anders, ich musste noch einen Blick riskieren. Der Marquis de Sade der Fitnesswelt war offenbar am Ende seines Trainings angelangt. Er versuchte nun, den Puls seiner Probandinnen mit ein paar gezielten Atemübungen, wieder auf ein Normalmaß zurückzubringen.  „Aaatmeeet in Eure Mitte, in den Bauch, durch die Beine, iiin Eure Füße hinein“, umschmeichelte seine Stimme die völlig ausgelaugten Frauen.

 

Obidience für Vorstadtrentner

 

Frau Nörgel war hochkonzentriert, sog mit aller Kraft, Luft in Ihre Lungen hinein und wartete auf weitere Anweisungen vom Fokuhila-Joey. So aufgebläht, bemüht den eingeatmeten Sauerstoff, den Anweisungen gemäß in ihre Füße zu pumpen, stand sie da und wartete und wartete und wartete …
Ich fing langsam an mir Sorgen zu machen, meine Nachbarin wirkte nicht sehr entspannt, eher verkrampft.

Endlich hatte der Fitnessmensch ein Einsehen und erlöste die arme Frau, kurz bevor sie explodieren würde: „Jetzt klappen wir zusammen und stoßen die ganze Luft in unserem Körper nach draußen.“

Frau Nörgel, gehorchte ohne zu zögern. Blitzschnell kippte sie nach vorne. Dabei streckte sie ihren geblümten Allerwertesten in voller Pracht Richtung Panoramafenster. Obidience für Vorstadtrentner, bei dem Tempo war Frau Nögel sicherlich eine heiße Anwärterin auf den Meistertitel. Sie atmete schwer, stöhnte und seufzte herzzerreißend und wiederholte den ganzen Vorgang mehrere Male.

 

Finley will Genugtuung

 

Finley stupst mich an: „Los sag‘ schon, was ist da los?“ Geduld war ja noch nie seine Stärke. „Also, Frau Nörgel steht im Blümchenpyjama vor dem Fernseher und streckt den Hintern zum Fenster raus“, fasste ich das Geschehen, nicht ganz detailgetreu, für meinen Rüden zusammen.

Finley verzog das Gesicht. Dann sagte er entrüstet: „Na die ist gut. Bei jedem Haufen, den ich in Sichtweite absetze, flippt sie total aus und jetzt streckt sie uns ihren Popo entgegen?“ Und weiter: „Das ist doch eindeutig unerwünschtes Verhalten, Birgit. Das sollten wir nicht positiv verstärken!“

 

Ich will ja nur ihr Bestes…

 

Ich dachte kurz nach. Ich hätte jetzt leise abtreten können. Hätte ein paar Restbestände Empathie zusammenkratzen können und still wie ein Mäuschen in meinem Bau verschwinden und mein Blümchentrauma mit einem heißen Kaffee herunterspülen können. Tja, was soll ich sagen … es ging einfach nicht. Finley hatte es auf den Punkt gebracht. Nach allem, was wir mit Frau Nörgel schon erlebt hatten, war es da nicht unsere Verpflichtung, sie nicht einfach diesem Folterknecht der Aerobic-Szene zu überlassen? *Unschuldsaugenaufschlag

 

Frau Nörgel, ich bin für Sie da …

 

Leise, ganz leise habe ich mich zurück zu Frau Nörgels Panoramafenster geschlichen, ihren geblümten Hintern fest im Blick. Dann habe ich wirklich alles, was ich an Theatralik und Pathos in mir finden konnte, in meine Stimme gelegt und entsetzt gerufen: „Frau Nörgel, brauchen Sie Hilfe, ist ihnen schlecht? … Kann mir jemand helfen – Frau Nörgel ist zusammengeklappt! Mein Gott, Sie röcheln ja …“

Frau Nörgel schoss hoch wie ein vom Bogen geschossener Pfeil. Der Kopf dunkelrot angelaufen, die Mireille-Matthieu-Frisur derangiert, blickte sie sie mir panisch ins Gesicht. „Pssschhhhttt“, machte Frau Nörgel und ruderte dabei mit den Armen, „leise … nein alles … ich mache doch nur … also Frühsport mit dem WDR … das ist für die Fitness … trotzdem danke … äh, wie nett … ähäm, ja dann mache ich mal … ich war ohnehin fertig …“

„Na Gottseidank, dann ist ja alles gut“, sagte ich mit Unschuldsblick. Dann ließ ich meinen Blick zum Abschied noch einmal genüsslich über Frau Nörgels Blümchen-Alptraum gleiten und verabschiedete mich formvollendet.

 

„Oh, what a beautiful mornin‘, oh what a beautiful day
I got a beautiful feelin‘ everything’s goin‘ my way …“

(Frank Sinatra)

 

„Es gibt Samstage, die könnten nicht besser beginnen, was Finley“, sagte ich lächelnd zu meinem Dicken.

„Hihihiii … das kann man wohl sagen. Manchmal ist das Leben doch gerecht“, antwortete mein Schlingel und pieselte gegen Frau Nörgels Rhododendron. Dann gingen wir Zwei fröhlich in den Wald und atmeten ganz tief in unsere Mitte, in den Bauch, durch die Beine, in unsere Pfoten … äh, Füße hinein …

 

Mehr von Frau Nörgel, findet Ihr hier:

 

Wenn Ihr meine Nachbarin Frau Nörgel genauso gern mögt, wie ich, dann findet Ihr unter den folgenden Links weiteren Lesestoff. Einfach auf die Überschriften klicken und Ihr landet beim Artikel.

Booombangebang – Silvestergeschichten aus der Vorstadt

Danke Frau Nörgel oder wie Finley zu seinem Namen kam

 

 

Booombangebang – Silvestergeschichten aus der Vorstadt

Wenn nur die Nachbarn nicht wären

 

Foto: pixabay

 

Hach Silvester, es ist doch jedes Jahr wieder ein sehr ergreifender Moment, wenn ein Jahr zu Ende geht. Man fällt seinen Liebsten um den Hals, herzt und küsst sie, stößt mit einem erlesenen Tropfen an und wünscht Ihnen nur das Allerbeste für das neue Jahr. Und dann, kracht es!

 

Die Zwillinge von nebenan sind Pyrokings

 

Ich erzähle Euch mal wie das Fest der guten Vorsätze in der Regel bei uns in der Vorstadt abläuft. Raketen schießen in den Himmel. Kanonenböller und nervtötende Heuler schliddern über unsere Fußwege.  Im Garten unserer Nachbarn haben die Zwillinge eine Pyro-Anlage aufgebaut, für die sie wahrscheinlich eine Genehmigung bei der NATO beantragen mussten. Eingerahmt von etwa 20 Bengalischen Feuern stehen da drei Goldregen-Sprühräder und blasen ihren goldenen Feuerstaub über unseren Zaun. In der Luft wabert der beißende Geruch von Schwarzpulver und Schwefel. Schönes neues Jahr dann auch für Euch, Ihr Knaller.

 

Die unterschiedlichen Silvester-Vorstadttypen

 

Spätestens in diesem Moment beginnt sie, die Teilung. Dann zieht sich ein Riss durch die Anwohnerschaft unseres Vorstadtringes. Da ist zum einen die große Gruppe der Ballermänner. Sie stehen mit Ihren Söhnen, denn bekloppte Traditionen müssen unbedingt weitergeben werden, vor den noch geschlossenen Supermarkttüren und warten ungeduldig darauf, dass sie ihre Einkaufswagen bis zum Rand mit Pyrotechnik füllen können. Geld spielt keine Rolle.

 

Die Antiknaller haben alle Tiere

 

Auf der anderen Seite der nachbarschaftlichen Feuer-Demarkationslinie stehen wir Tierhalter, die Antiknaller. Wir sind gänzlich unbewaffnet. Alles was wir einsetzen können, ist unseren gesunden Menschenverstand und unsere Manpower. In seltener Eintracht, ungeachtet der Spezies mit der wir unser Leben teilen, sind wir uns in einem einig. Wir finden, es sollte möglich sein, dass wir unsere Tiere auch bei uns in der Vorstadt gut und sicher über den Jahreswechsel bekommen. Soll heißen, wir sind hier und bleiben hier! Eine temporäre Gebietsaufgabe, etwa ein Rückzug in Reetdach gedeckte  Naturschutzgebiete, wird es in dieser Siedlung nicht geben!

 

Jochens Koi-Karpfen werden heiß geliebt

 

Für Manchen von uns wäre so ein Rückzug auch nicht machbar. Jochen aus dem Haus Nr. 15b ist so ein Beispiel. Mein Nachbar ist Biologe. Er hat sehr viel Energie, Geld und Liebe in den Aufbau und Erhalt seines Teiches investiert. In diesem Teich hat sich über die Jahre allerlei heimisches Krötengetier angesiedelt. Seine eigentliche Leidenschaft, gehört aber den sechs schillernden Koi-Karpfen, die dieses Biotop ihr Zuhause nennen, sehr sensible und empfindliche Tiere.

Abstürzende Raketenhüllen und andere Outfallprodukte, die nachts in seinen Tümpel platschen, könnten bei den empfindlichen Kois durchaus einen Herzstillstand verursachen, sagt der Jochen. Also hat er ein Konstrukt aus Holzlatten und Plexiglas entworfen, dass jedes Jahr wie eine Poolabdeckung über den Teich gestülpt wird. Verrückt oder reine Notwehr, das liegt wohl im Auge des Betrachters.

Ich bin allerdings schon froh, dass ich meinen Hund einfach nur in den Arm nehmen muss, wenn die Knallerei losgeht.

 

Frau Nörgel ist der Swinger-Prototyp

 

Damit wären wir nun bei meiner persönlichen Nemesis gelandet. Meine Nachbarin Frau Nörgel gehört nämlich zur dritten Kategorie der Silvester-Heimsuchungen. Sie ist ein Swinger. Wenn sie mit ihren Freundinnen Silvester feiert, kann sie selbst gut auf das Geballere verzichten. Kommen aber die Enkel zu Besuch, dann sieht das anders aus. Die Jungs sollen sich ja amüsieren, am besten aber nicht in Ihrem Garten.

 

Halbgötter reloaded

 

Fridolin und Frederick sind die Söhne von Frau Nörgels ältestem Sohn, den sie in Anlehnung an ihr Gaststudium in griechischer Mythologie, Horst Paris Nörgel genannt hatte. Ja, in Namensgebung ist diese Familie nicht zu schlagen. (Weiteres zu Frau Nörgels Namensfindungsstörungen findet ihr HIER) Doch zurück zu Silvester – also wenn die zwei Racker ihre Oma besuchen, heißt es in Deckung gehen. Und zwar schon kurz nach Weihnachten. Spaziergänge gestalten sich dann wie Patrouillen im Partisanengebiet. Zu jeder Zeit kann neben, vor oder hinter einem ein Kanonenschlag losdonnern.

 

Finley ist mein Stimmungsbarometer

 

Ich gebe zu, dass mein Nervenkostüm dann etwas dünner wird, wenn die Nörgel-Sprösslinge vor Ort sind. Meine Resilienz hängt ganz eng von Finleys Allgemeinzustand ab. Für meinen Hund ist jeder Jahreswechsel anders. Wir haben da gemeinsam, zwischen tiefenentspanntem Verschlafen, über wütendes Alles-was-sich-bewegt-wird-zusammengebellt, bis zum verängstigten In-die-Kissen-Kuscheln, alles schon erlebt.

 

Zisch-Britzel-Rumms-Booom!!!

 

Vor zwei Jahren war es ganz schlimm. Die ersten Böller detonierten schon am ersten Weihnachtstag und so ging es Tag für Tag weiter. Irgendwann bringt das den schussfestesten Rüden zum Einknicken. Am Silvestertag habe wir dann um 15.00 Uhr unsere letzte Pipirunde gemacht. Später noch mal in die freie Wildbahn zu gehen, wäre einfach zu gefährlich gewesen. Finley musste sich bis zum Morgen dann eben mit unserem Garten zufrieden geben. Ich dachte tatsächlich, dass ihm dort nichts passieren würde.

 

Der Pupsus interruptus – unsere Erfindung

 

Was ich nicht bedacht hatte war, dass die Nörglersprößlinge Gartengrenzen nicht so ernst nahmen. Omas Geranien sollten geschont werden, also flogen die Böller auf unser Schuppendach und in unsere Rhododendren. Ich sah wie Finley sich quälte und sich immer wieder einen neuen Löseplatz aussuchen musste, weil er bei jedem Rumms zusammenfuhr. Immer wenn ich dachte, so jetzt aber , dann explodierte wieder ein Böller und mein Rüde praktizierte den Pupsus interruptus, begleitet von Fridolins und Fredericks Gejohle.

 

Sei freundlich zu Deinen Nachbarn – Ausnahmen gibt’s immer

 

Schließlich hatte ich genug.

Ich sprach die Jungen an: „Sagt mal ihr Zwei, könntet Ihr nicht auch mal woanders knallen? Außer in unseren Garten, kann unser Hund nirgendwo gefahrlos hin und das Geballere macht ihm Angst.“

Fridolin guckte nicht mal hoch und Frederick sagte: „Meine Oma hat uns das erlaubt.“

Meine Stimme wurde schneidend: „Eure Oma hat in meinem Garten gar nichts zu melden. Ab sofort kriegt Ihr Euer Zeugs von mir zurück.“

 

Manchmal hilft nur Aufrüstung

 

Daraufhin ging ich in meinen Garten zurück, schnappte mir meine Plattschaufel und brachte mich in Stellung. Ich hörte ein Zischen und ein Aufheulen und da kam er schon geflogen der nächste Nörgel-Heuler. Ich holte aus, visierte den Böller an und schlug ihn mit der Schaufel, in hohem Bogen über unseren Bonanzazaun, Richtung Nörgel Haushalt. Das war Maßarbeit gewesen, denn der Feuerwerkskörper explodierte noch in der Luft, direkt vor Frau Nörgels Wohnzimmerfenster und brachte ihre heißgeliebte Panoramascheibe zum Erzittern. Ich hatte unser Vorstadtböller-Wimbledon eröffnet … Beckerfaust!!!

 

Zugegeben, auf Beobachter muss die Szenerie echt schräg gewirkt haben. Eine etwas pummelige, in einen Glitzerpullover gekleidete Frau stand, eine Plattschaufel in den Händen, vor ihrem kackenden Rüden und wehrte Silvesterböller ab. Das wirkte alles andere als souverän. Aber hey, hatte ich denn eine andere Wahl?  Außerdem hatten wir eine klasse Vorhand, meine Schaufel und ich!

 

Spiel – Satz und Sieg!

 

Frau Nörgel kam daraufhin aus ihrem Haus gestürzt und wollte sich doch tatsächlich beschweren. Wutschnaubend lief sie auf meinen Zaun zu. Dann sah sie mich, die Plattschaufel im Anschlag und besann sich sofort eines Besseren. Bevor sie und die jüngste Nörgel-Generation wieder hinter ihrer Haustür verschwanden, schnappte ich noch ein paar Wortfetzen auf: „Die soll sich mal nicht so anstellen … gemeingefährlich … Spaßverderberin … äh, besser nicht euren Eltern erzählen…“

Na ja ich muss schon zugeben, so ganz unrecht hatte meine Nachbarin ja  nicht mit ihrem Gemurmel. Trotzdem, für Finley und mich war dieser Nörgelsche Protestgesang, gleichbedeutend mit einem Turniergewinn.

Spiel – Satz und Sieg!

 

Kleiner Nachtrag

 

Frau Nörgel und ich hatten ein paar Tage später ein klärendes Gespräch. Ich erklärte ihr, wie belastend Silvester für uns Hundehalter sein kann. Nachdem das obligatorische „Sie wissen ja wie Kinder so sind“ kam, bot ich Ihr an, mal ein Gespräch mit Horst Paris über die mangelnde Fähigkeit seiner Söhne zuzuhören zu führen. Daran hatte Frau Nörgel aber ganz offensichtlich kein Interesse. Sie bot mir an, mir die Jungen rüberzuschicken, damit sie meinen Garten aufräumen und ich fand, dass das ein guter Anfang sei. Finley hat den Beiden dabei geholfen und ganz offensichtlich mochten die Jungen meinen Hund. Seitdem haben sie Silvester nie wieder Feuerwerkskörper in unseren Garten geworfen.

Vielleicht gefällt Euch ja auch Finleys andere Silvestergeschichte. Lest mal HIER nach.

 

 

 

 

Danke Frau Nörgel oder wie Finley zu seinem Namen kam

 

Foto Ramses lizenszfrei, Quelle: Wikipedia

Viele von Euch kennen ja schon Frau Nörgel, eine meiner „liebsten“ Nachbarinnen.

Für Nichteingeweihte, kommen hier ein Ultra-Kurzportrait: Meine Nachbarin, Frau Nörgel ist eine Frau in den blühenden Siebzigern. Das drahtige Persönchen ist etwa 1,60 groß. Ihre pechschwarz gefärbten Haare, trägt sie als schicke Ponyfrisur. Wenn sie redet, wirft sie ihren Haarkranz keck nach hinten und erinnert mich dabei ein wenig an die Sängerin Mireille Matthieu –  den Spatz von Avignon. Frau Nörgel weiß wirklich alles, was in unserer Siedlung so passiert. Und was sie nicht weiß, erfindet sie…

Frau Nörgel hasst Veränderungen. Insbesondere Veränderungen im Privatleben ihrer Nachbarn und auf deren Grundstücken. Zumindest kommt Frau Nörgel umgehend ihrer Chronistenpflicht nach und sorgt für eine schnelle Verbreitung der Breaking-News. In Nullkommanix, macht sie die Angelegenheiten ihrer Nachbarn zu ihrer Mission und bietet „Lösungen“ an, natürlich stark beeinflusst durch ihren persönlichen Geschmack.

Wie Frau Nörgel zu Hunden steht, also das ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ich würde das Verhältnis mal als zwiegespalten beschreiben. Irgendwie ganz niedlich, diese Felldingse, solange sie leise sind, keinen Schmutz machen … und nicht auf den Grünstreifen vor ihrem Panoramafenster kacken…. Mit anderen Worten, seit Finley bei uns eingezogen ist, haben wir unser Konfliktpotential vervielfacht.

Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Hunde-Begegnung. Frau Nörgel kam gemessenen Schrittes an meinen Bonanza-Zaun und fragte: „Wie heißt er denn?“ Das tat sie recht freudlos, ohne ihren starren Blick von dem Haufen abzuwenden, den mein Welpe gerade auf dem Grünstreifen vor ihrem Panoramafenster abgesetzt hatte …. upsi… Dann sah sie mich an und lächelte kalt.  Ich hatte echt ein schlechtes Gewissen – Anfängerfehler!

Also, ich wurde rot bis unter die Haarwurzel und stotterte: „Ähmmm, ich mache das natürlich sofort weg, äh sauber …. klinisch rein, wollte ich sagen, bestimmt.“

Frau Nörgel setzt nach: „Und? Der Name…“

Ich antwortete: „Also da sind wir uns in der Familie noch nicht einig.“

„Wie, Sie haben sich nicht rechtzeitig um einen Namen gekümmert“, trötet Frau Nörgel durch den morgendlichen Nebel. Ich fühlte mich augenblicklich wie eine Mutter, die ihr Kind sträflich vernachlässigt hatte. Und bevor sie hinter ihrer Hecke verschwand, sagte sie: “Na, WIR werden schon den richtigen Namen für den Kleinen finden. Ich denke mal drüber nach.“

WIR? Habe ich richtig gehört? Ich stand kurz vor einer Panikattacke. Frau Nörgel hatte ihre Söhne nämlich Horst Paris Nörgel und Jochen Hermes Nörgel genannt. Griechische Halbgötter als Paten für die Zweitnamen, das nenne ich mal ein Alleinstellungsmerkmal. Stellt Euch das mal auf Bewerbungsschreiben vor. Meine Fantasie schoss wilde Purzelbäume. Vor meinem inneren Auge sah ich mich, wie ich, gefangen in einer Endlosschleife, kleinlaut an Frau Nörgels Haustür klingelte und immer wieder zugeben musste, dass mein Kleiner namenlos war und Frau Nörgel gegen meinen Willen beschloss, das der Kleine Zeus heißen solle… Nein, das durfte nicht passieren!

„Wir haben schon einige Namen, die in die engere Wahl kommen“, beeilte ich mich zu sagen. Was gelogen war, aber in der Not… Die Wahrheit war, wir kamen interfamiliär einfach nicht auf einen Nenner. Woran misst man das eigentlich, ob ein Name der Richtige für seinen eigenen Hund ist?

Dass sich die Namensfindung für unseren Hund, so schwierig gestalten könnte und dass plötzlich alle Familienmitglieder ein Wörtchen mitreden wollten, hatte ich nicht erwartet. Meine Familie, versorgte mich üblicherweise mit Bemerkungen wie: „der Hund ist Dein Ding“, „nur, wenn Du das alleine machst“, „also ich geh’ nicht mit dem Hund, Mama“, „Birgit, das ist Dein Hobby, nicht meines“. Plötzlich, so ganz aus dem Nichts, mischten sich alle massiv ein.

Ich war damals voll auf dem Bullerbü-Trip. Ein Hund in unserer Familie, das komplettierte das Wattebausch-Bild, dass ich vor meinem inneren Auge entstehen ließ. Wenn nicht alle dagegen gewesen wären, hätte Finley gute Chancen gehabt, den Namen eines dicken, lethargischen Bernhardiners zu bekommen. Heute muss ich ja zugeben, dass Filme wie „Ferien auf Saltkrokan“ nicht unbedingt die besten Influencer bei der Namensfindung sind. Sonst würde mein Hund heute Bootsmann heißen und meine zweite Tochter Scrollan. Für beides – O-Ton, zweite Tochter – hätte ich „gehauen gehört und wäre wahrscheinlich eines Nachts auf nimmer Wiedersehen im Wald verschwunden.“

Dann dachte ich, Mensch, er ist doch’n Hamburger Jung’, der braucht was typisch Hamburgisches. Also ließ ich meine Seele baumeln. Wir schlenderten durch den Hamburger Hafen, über die Kais an den Schiffen vorbei. Dann lief ich mit meinem Hund am Elbestrand entlang. Wir ließen uns den Wind um die Ohren wehen und sahen den Bugwellen der Dampfer zu, wie sie am Sandstrand brachen. Smutje und Fiete kamen auf die Liste. Diese Vorschläge lösten orkanartige Böen in meiner Paarbeziehung aus. Hatte ich schon erwähnt, dass mein Liebster Österreicher ist?

O-Ton mein Angetrauter: „Also, ICH stehe bestimmt nicht auf dem Weg und brülle laut Fiete in den Wald. Dann machst Du das alleine.“ Da ich zu den vorausschauend denkenden Planern gehöre, überschlug ich kurz meine Optionen. Der Hund, hat zirka 15 Lebensjahre im DNA-Code. Und das allein, jeden Tag? Ne, die Aussicht war alles andere als prickelnd. Also kamen die plattdeutschen Namen wieder runter von der Liste.

Also, ich fasse mal zusammen: Ich musste einen Namen finden der 1. österreich-kompatibel war, 2. meine Tochter nicht dazu veranlasste, mich hinterrücks zu meucheln, 3. keine Bullerbü-Bezüge aufwies und zu guter Letzt 4. auch mir gefallen musste. Puhhhh!!!

Punkt Zwei und Drei waren relativ leicht einzuhalten – Pelle, Kalle, Lasse – alles gestorben. Deal! Aber für Punkt Eins und Vier brauchten wir eine Titulierung aus der neutralen „Namens-Schweiz“. Probleme sind dazu da, gelöst zu werden – generalstabsmäßig. Deshalb starben auch Seppi, Seppl, und Michel. *gottseidank

England oder Schottland, dachte ich … ja, das könnte klappen und es würde auch irgendwie zu unserem, schon im Welpenalter etwas schrulligen Rüden passen. Also dachte ich an alte Leards, die Highlands in denen ich als Teenager für kurze Zeit gelebt hatte, Tea at five und Rugby….

Fen, das heißt Moor. Oder Fergus, der Mann der Kraft. Finnegan, leider irisch … Finley, der „kleine, blonde, tapfere Krieger“. Ja, ich fühlte, das passte auf meinen renitenten, süßen Fratz. Mein Herz wurde leicht, ich war glücklich.

Da meldete sich meine liebe Nachbarin nochmal aus dem Off: „Wie wäre es mit Ramses?“. Sie lugte erwartungsvoll über ihre Hecke. Ääägypten? Okay, ich wusste es schon zu schätzen, dass Frau Nörgel den Namen eines der größten Herrscher des altägyptischen Reiches für meinen Finley für angemessen hielt und das sagte ich ihr auch. Dann teilte ich ihr freudestrahlend mit, dass wir uns für „Finley“ entschieden hatten. Sie guckte etwas konsterniert, murmelte im Weggehen etwas vor sich hin. Ich verstand nur einzelne Wortfetzen: „…ja, ganz nett…“, „…beliebiger Name aus dem Fußvolk…“, „…könnte heißen wie ein König…“ und „…jeder eben wie er kann…“.

Genau, dachte ich und grinste.  Jeder eben wie er mag… *kichergurgelprust … Jochen Hermes …. Horst Paris … Agnes Nörgel, was hast Du nur getan…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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