Hilde – Mein neues Leben als Frauchen

Sehnsucht an der Leine,Irrsinn auf der Hundewiese und spätes Glück mit Gassibeutel

 

 

 

Die Rezension dieses Buches war nicht einfach. Oft war ich in der Beurteilung hin- und hergerissen und mancher Passus hinterließ Ratlosigkeit bei mir. Ich hatte, Schande über mich, vorher noch nie ein Buch von Ildikó von Kürthy gelesen. Das war keine Absicht, es hatte sich einfach nicht ergeben.

 

Freimachen von dem was andere schrieben

 

Allerdings hatte ich vorher schon einige Rezensionen von „Hilde“ von anderen Hundebloggern gelesen und erwartete daraufhin ein Werk, das inhaltlich irgendwo zwischen einem Hitchcock-Schocker und einem BUNTE-Skandal anzusiedeln wäre. Soviel mal vorweg, ich habe weder das eine noch das andere in diesem Buch gefunden. Denn wenn man sich auf das besinnt, was eine Rezension sein sollte, nämlich eine Analyse des Buches, und nicht eine Kritik an Lebensstil und vermeintlichem Charakter der Autorin, gibt es gleich viel weniger Stoff über den man sich aufregen kann.

 

Unterhaltung – ja das ist es

 

Als erstes fragte ich mich nach der Lektüre dieses Buches, ob mich das, was ich gelesen hatte, unterhalten hat. Also hatte es das?

Und die ehrliche Antwort lautet: Ja – punktuell. Der Schreibstil der Autorin ist überwiegend leicht und locker, manchmal plätschert die Erzählung ein bisschen dahin. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es beabsichtigt war, humorvoll zu schreiben. Wenn dem so sein sollte, ist das Ganze von einem leicht säuerlichen Unterton durchzogen.

 

Es kommt ganz aufs Thema an

 

Unterhaltsam fand ich das Buch immer dann, wenn Ildikó von Kürthy sich thematisch auf sicherem Terrain befand. Da geht es zum Beispiel um diverse Ausflüge auf die Insel Sylt mit und ohne Hilde. Dort auf der Insel fühlt sich die Autorin offensichtlich wohl und kennt jeden Winkel. Ihre Schilderungen, wie sie mit Hilde an den alljährlichen „Hundstagen“ auf Sylt teilgenommen hatte, fand ich sehr amüsant, was zum Teil auch daran gelegen haben mag, dass ich einige der Protagonisten schon einmal persönlich kennengelernt habe. Absolut lesenswert ist das Kapitel, das Ildikó von Kürthy ihrem Kollegen Jörg Thadeusz abgetreten hat. Er hatte Hilde für die Dauer der Frankreichferien der Autorin in Pflege genommen.

 

Sehr einfühlsam schreibt Ildikó von Kürthy von ihrem Verhältnis zu ihrer Tante Hilde, der Namenspatin ihrer Hündin. Sie schreibt auf diesen Seiten von bedingungsloser Liebe, Verlust, und was der Tod der geliebten Tante für sie bedeutete. Diese Passage in dem Buch hat mich sehr berührt, weil sie einen kleinen Einblick in die Seele der Autorin gewährte. Diesen Tiefgang habe ich in anderen Abschnitten des Buches sehr vermisst.

 

Gewichtsprobleme – Orangenhaut – 50er Jahre Klischees

 

Dann gab es aber auch viele Passagen im Buch, die mich mit einem großen Fragezeichen zurückgelassen haben. Etwa die episch langen Ausflüge in die Welt der Bindegewebsschwächen und Gewichtsprobleme. Das hätte ich nicht gebraucht, auch nicht kürzer beschrieben. Gewichtsprobleme betrachte ich als persönliches Schicksal. Und was die berühmte, von ihr viel zitierte Orangenhaut betrifft, halte ich es mit meiner Omi: Gut einpacken, geht niemanden etwas an.

 

Als etwas überholt habe ich das häufige Abgleiten in die Klischeewelt der 50er-Jahre empfunden. Die immer wieder auftauchenden Jungsmütter-müssen-das-Mädchenmütter-haben-es-besser-Textstellen, lagen letztlich so schlaff vor mir wie ein totgerittenes Pferd.  Jungs machen sich immer dreckig, Mädchen sind immer gut frisiert. Während Jungs sich gegenseitig auf die Fresse hauen (Zitat), ziehen Mädchen rosa Tütüs an und spielen mit Mamis Concealer.

 

Tja, was soll ich dazu sagen – nicht in unserem Kindergarten

 

Meine Tochter hat ihren Platz auf der Netzschaukel gerne mal mit dem Satz „Komm zu Satan“ verteidigt. Und ich habe im Kindergarten so viel Glitzerschminke auf Jungengesichtern verteilt, dass es Frau von Kürthy wahrscheinlich himmelangst werden würde.

In diesen Bereichen haben Frau von Kürthy und ich ganz offensichtlich völlig unterschiedliche Erlebniswelten. Macht ja nichts. Das kommt eben vor.

 

Gesellschaftsreportage oder Kummertagebuch ?

 

Trotzdem habe ich mir beim Lesen eine Frage immer wieder gestellt. Was hat das eigentlich alles mit Hilde zu tun? Ist das jetzt ein Hundebuch, eine Gesellschaftsreportage oder Frau von Kürthys persönliches Kummertagebuch? Ich kann diese Frage nicht klar beantworten. Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen. Der Leser muss selbst herausfinden, ob er diese Mischung mag.

 

Wenn ich mich auf die Ausführungen konzentriere, die wirklich nur mit dem Zusammenleben mit ihrem Hund zu tun haben, fehlt es mir an Substanz. Man gewinnt den Eindruck, dass Frau von Kürthy sich wohl vorgestellt hatte, ein „Hundebuch“ schreibe man mal eben so weg. Das ist natürlich ein Weg, aber kein guter, denn „Hundebücher“ werden von, neben der zugegeben großen schon durch andere von-Kürthy-Bücher entstandenen Fangemeinde auch von Hundemenschen gelesen, die über weit mehr Ahnung über Hundehaltung verfügen als die Autorin.

Viele der von ihr geschilderten Hundebegegnungen, oder genauer gesagt ihre Interpretationen dieser Begegnungen, werden daher beim Durchschnittshundehalter auf Unverständnis stoßen.

 

Prominente Unterstützung

 

Kurz-Interviews mit Profis wie Martin Rütter oder Birgit Balzer bringen zwar ein wenig mehr Sachverstand in dieses Buch, um allerdings das Manko an Fachwissen aufzufangen, sind diese Statements zu allgemein gehalten. Themen wie Tierschutz, Zucht, Qualzucht werden auf fünf! Seiten im Buch kurz angekratzt. Auch wenn das Geschriebene zum Teil mit Expertenzitaten unterlegt ist, kann es den Themen in dieser Kürze in keiner Weise gerecht werden. Eine Klarstellung der Autorin, dass sie selbst nicht den idealen Weg zum Hund gewählt hat, fehlt völlig.

 

Mir persönlich wäre es am liebsten gewesen, Ildikó von Kürthy hätte diese in der Hundeszene sehr polarisierenden Themen gar nicht angesprochen. Denn jedes dieser Themen braucht ein großes, schon vertieftes Hintergrundwissen, wenn man diesen Themen auch nur annähernd gerecht werden wollte.

Es wäre wohl besser gewesen mit dem Schreiben eines Hundebuches noch etwas zu warten. Manchmal ist es besser, Erfahrungen zu sammeln, dazuzulernen und vielleicht auch das eine oder andere Trauma verkraftet zu haben, bevor man sich hinsetzt und schreibt.

Hilde

Mein neues Leben als Frauchen

Autor: Ildikó von Kürthy

Verlag: Wunderlich

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3805200134

Preis: 19,95

 


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4 Kommentare
  1. Anna Meißner
    Anna Meißner says:

    Liebe Birgit,

    puh, ich bin ein bisschen erleichtert 😉 Hättest du eine Lobeshymne auf dieses Buch verfasst, hätte mich das schwer gewundert. Übrigens liest sich dein Text für eine Renzension total unterhaltsam. Ich mag deinen Stil sehr!

    Herzliche Grüße

    Anna

    Antworten
    • bj
      bj says:

      Danke liebe Anna 🙂
      Eine Lobeshymne konnte es nicht werden. Ich bin trotzdem sicher, dass sich das Buch gut verkauft. Die Autorin hat ja eine große Fangemeinde. Letztlich kommt es immer darauf an, aus welcher Perspektive so ein ein Buch betrachtet wird.

      Herzliche Grüße
      Birgit

      Antworten
  2. Barbara Oppermann
    Barbara Oppermann says:

    Bei diesem Buch handelt es sich sicher nicht um ein Hundebuch und ich denke, es war auch nicht die Intention Frau von Kürthys eines zu schreiben. Es ist ein Buch über i h r Leben mit i h r e m Hund, im Stil all ihrer Bücher geschrieben, unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern die Marotten der Hamburger Szene Muttis – zu denen sie sich selbst wohl auch zählt – betrachtend.
    Eine kritische Auseinandersetzung mit Tierschutz oder Rasseproblematik war da nicht zu erwarten. Ich fands trotzdem sehr kurzweilig und habe an einigen Stellen herzhaft gelacht.

    Antworten
    • bj
      bj says:

      Danke Barbara, ich freue mich, dass hier jemand auch positiv zu diesem Buch Stellung bezieht. Es ist wie ich in meiner Rezension schon sagte, eine Frage des persönlichen Geschmacks.

      Antworten

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