Die Grenzenlose Freiheit hinterm Gartenzaun

Ich bin dann mal weg…

 

 

Ein Problem, dass an mich in meinen Stunden immer wieder herangetragen wird ist, dass einige Hunde versuchen vom heimischen Grundstück auszubüchsen. Erstaunlich viele Menschen, mit denen ich rede, gehen davon aus, dass ihr Hund einen Zaun oder gar eine gepflanzte Hecke als Begrenzung akzeptiert. Das ist nicht so. Ein Zaun oder eine Hecke begrenzen nicht ihr Revier. Es sind menschlich gesetzte Grenzen. Oftmals bezieht ein Hund die dahinter liegende Straße, das Gebiet in dem er oft Gassi geht oder andere Örtlichkeiten mit in ‚sein Revier‘ ein.

 

Die Reviergrenze, das unbekannte Wesen

 

Wie weit dieses hündische Revier und die damit verbundenen territorialen Ansprüche reichen, wird auch von der Persönlichkeit des Hundes beeinflusst. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass Finleys Revier weiter reicht, als unser Bonanzazaun erlaubt.  Wie ich weiß, gehört mittlerweile unser gesamter Vorort zu seinem Beritt, ein Stück von Sasel, Meiendorf … Ahrensburg … oh, und natürlich Duvenstedt, Duvenstedt auch. Es war also unerlässlich, dass wir unserem Hund beibringen mussten, dass er auf dem Grundstück bleiben muss.

 

Menschengemachte Hindernisse, halten Hunde oft nicht auf

 

Rein objektiv betrachtet ist ein 1,50 m hoher Gartenzaun, das ist in Hamburg die erlaubte Maximalhöhe, kein geeignetes Mittel, seinen Hund daran zu hindern, das Grundstück zu verlassen. Und eine offene Gartenpforte ist, was sie ist, ein Loch im Zaun, durch das unsere Hunde sich unserer Kontrolle entziehen können. Eine Hecke mag hübsch sein, ist aber für einen Hund, wenn er in Erregung gerät, eher eine Herausforderung, als ein Hindernis.

Für uns Hundebesitzer ist allein die Vorstellung, unser Hund könnte ohne unsere Erlaubnis das Grundstück verlassen und weglaufen eine Horrorvorstellung – außer vielleicht für Beaglehalter, für die gehört das irgendwie zum Alltag. Wir sollten uns vor Augen halten, was immer unterwegs auch passiert, was immer unser Vierbeiner auch anstellt, wir haften dafür.

 

Bewusstseinsschulung schont die Nerven aller

 

Abgesehen von den finanziellen Folgen, kostet uns so ein Vorfall auch Nerven. In unserer Vorstellung laufen die abwegigsten, gruseligsten Szenarien ab: Der Hund läuft vor ein Auto, kloppt sich unterwegs mit seinem schlimmsten Feind, keine Rückendeckung von Frauchen, ertrinkt im nahegelegenen Teich, wird von Kater Paul und seiner Gang vermöbelt und liegt blutend am Straßenrand, wird von Kamikaze-Otto, dem Agroeichhörnchen von Eiche3 auf die Bäume gescheucht, wird von der Hundemafia entführt, sediert und wacht in einem Zwinger irgendwo im Nirgendwo, einsam und allein wieder auf …, nicht auszudenken, was alles so passieren könnte.

 

Hey Frauchen, chill mal, ich kann das

 

Für unseren Hund sieht die Sache subjektiv gesehen ganz anders aus. Die offene Gartentür ist das Tor zur großen Freiheit, das große Versprechen ungebremster Selbstverwirklichung, der direkte Weg zum selbstbestimmten Blödsinn Machen. Endlich mal die Neugier ausleben, zurück zu der super leckeren Riechstelle an der nächsten Straßenecke und wohnt in dem Rotklinkerhaus, dort drüben nicht die süsse kleine Bernersennenhündin, die neulich, ganz verführerisch etwas mehr als nur „Hallo sagen“ versprochen hat? Endlich mal die Gegend erkunden ohne „Bei Fuss“ zu gehen, ohne diese ganzen Regeln, auf die Frauchen so steht. Endlich mal ein Spaziergang bei dem sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können: Gerüche, Düfte, hmmm, schimmeliges Brötchen, ahhh … Wildschweinkacke und Uiihhh, etwas Eau de Minou, gemischt mit dem Odeur von Colette, so eine bezaubernde Mischung … Muhahahaaa …

 

Gib mir mehr davon!

 

Wenn sie dann zurückkommen, und wir Menschen uns, trunken vor Erleichterung einbilden, sie würden schuldbewusst gucken, dann haben sie bereits den Grundstein gelegt, für weiteren zivilen Ungehorsam. Sie haben gewissermaßen Blut geleckt. Aus ihrer Sicht hatten sie Erfolg mit ihrem Tun. An der Hormonbar im Gehirn hatte ihnen der Barkeeper einen süchtig machenden Cocktail aus Dopamin, Oxytocin und Adrenalin gemixt. Sie werden bald wieder am Tresen vor dem Barkeeper sitzen und sagen: „Einen Freifahrtschein on the Rocks bitte, geschüttelt, nicht gerührt.“

 

Frei nach Mutti: Wir machen das schon

 

Dann wird es schwieriger, das Verhalten unseres Hundes auf den Pfad der Tugend zurückzulenken. Denn Hunde sind bereit ein bisschen Schelte und Strafe in Kauf zu nehmen für etwas, was sie berauschend finden. Wir müssen also ein neues Bewusstsein schaffen. Das fordert ein tägliches Training, in dem die Impulskontrolle eures Hundes herausgefordert und gefördert wird. Er muss lernen, den Frust auszuhalten, dass er nicht jedem Impuls nachgeben kann. Und er muss lernen, den Frust auszuhalten, dass ihr diejenigen seid, die entscheiden, welche Handlungen erlaubt sind und welche nicht.

Damals als Finley bei uns einzog, hatte uns unser Züchter dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass der Zaun, Gartenpforten und Türen aller Art von uns gemanagt werden müssen, von Anfang an. Das hat uns das Zusammenleben mit Finley „hinten raus“ etwas leichter gemacht. Heute akzeptiert Finley unseren kleinen Bonanzazaun als Grenze. Das hat natürlich nicht von selbst funktioniert, wir haben hart daran gearbeitet.

 

Es lief Einiges schief

 

Bevor Finley unsere Regeln akzeptiert hatte, ereigneten sich ein paar kleinere und größere Katastrophen. Dass er eines Abends, in einem unbeobachteten Moment meinen 1,80 Meter großen Japanahorn gefällt hatte, gehörte in der Nachbetrachtung zu den kleineren Missgeschicken. Sein unangekündigter Besuch bei den Nachbarn, als diese gerade ihre Meerschweinchen im Garten laufen ließen, sorgte da schon für wesentlich mehr Aufregung.

 

Training, Training, Training

 

Irgendwie haben wir alle diese Hürden genommen. Angefangen damit, dass wir unsere Probleme erkannt haben und konsequent *hüstel daran gearbeitet haben. Das haben Finley und ich natürlich nicht allein geschafft. Wir hatten Unterstützung in unterschiedlichen Seminaren mit unterschiedlichen Trainern, die wir uns, zugeschnitten auf unsere vielfältigen Probleme ausgesucht haben.

Mittlerweile läuft es bei uns im Garten, sagen wir überwiegend easy. Zu den Nachbarn springt Finley schon lange nicht mehr über den Zaun. Er reagiert sehr gelassen auf alle Vorgänge, die hinter unserem Grundstück, hinter dem Bonanzazaun passieren.  Aber wehe, wehe irgendjemand macht sich an der Gartenpforte zu schaffen, dann ist es vorbei mit der Impulskontrolle. Na ja, so ein bisschen Remmidemmi gehört schon noch dazu, so einem Retrieverleben.

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare
  1. Claudi
    Claudi says:

    „Das unsere Hunde sich unserer Kontrolle entziehen können“ gerade da ist im Konventionellen immer das Problem. Wenn nur der Zweibeiner entscheidet und bestimmt, kontrolliert und verbietet, wird der Vierbeiner immer nach Lücke suchen. Sei es das offene Gartentor oder andere Situationen, in denen die direkte Kontrolle des Menschen nicht möglich ist. Und dennoch wird es auf die mangelnde Impulskontrolle ausgelegt, dass solche Dinge geschehen. Und dennoch wird es hingenommen, wenn nach zig Trainern und Kursen es nur „einigermaßen easy“ läuft. Und ich verstehe es nicht und werde es nie verstehen. Jemand, der mein Freund ist, der sich verstanden, bei mir sicher, gut aufgehoben und gewertschätzt fehlt, der haut nicht ab! Wenn er all das aber so nicht empfindet, dann schon. Meinen Partner auf zwei Beinen muss ich auch nicht mittels Zaun vor der Welt fernhalten…

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    • bj
      bj says:

      Also Claudi, erst einmal bin ich wirklich sehr erleichtert, dass Du deinen ‚Partner auf zwei Beinen‘ nicht einzäunen musst, damit er bei Dir bleibt.

      Kritik ist ja immer dann sehr befruchtend, wenn eine Alternative klar formuliert wird. Das fehlt mir hier ein wenig. Wer, wenn nicht der Zweibeiner soll denn die Entscheidungen treffen? Unsere Hunde müssen sich in unsere Welt, mit all ihren Vorgaben und Regeln einfügen, es sei denn man lebt im einzigen Haus auf einer einsamen Hallig.

      Weder Finley noch die anderen Hunde, die ich im Sinn hatte, hatten Grund von Zuhause zu ‚fliehen‘ weil sie sich dort nicht gut aufgehoben fühlten. Sie sind ihren Instinkten gefolgt.Sie sind Reizen nachgejagt, wie läufigen Hündinnen in der Nachbarschaft, die wir Frauchen und Herrchen ihnen nun beim besten Willen nicht bieten können. Jedenfalls will ich das stark hoffen…

      Und natürlich hat das auch etwas zu tun mit der Impulskontrolle, immer. Das man parallel an der Bindung zu seinem Hund arbeiten muss versteht sich doch von selbst.

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