Der Weihnachtsbraten – the untold story

Wenn Finley – retrievermäßig – die Speisekammer füllt

 

Illustration: Arm und Abra; Foto: Thomas Jaklitsch

 

Weihnachten, die besinnliche Jahreszeit. *KlingGlöckchenklingelingeRrrummms

Der Geruch von Frischgebackenem wabert durch das Haus, überall spenden Kerzen ein warmes, gemütliches Licht. Im Wohnzimmer ist schon der Christbaum aufgebaut. Er wartet darauf, liebevoll geschmückt zu werden…. Ja, so könnte es sein, jedes Jahr. Jeden Morgen, noch vor dem Aufstehen, visualisiere ich dieses Bild…. versuche ich diesen Zustand meditativ heraufzubeschwören….Glaubt mir, mit zwei pubertierenden Töchtern und einem Finley im Haus, ist das nicht zu schaffen…

 

Pubertät ist der Tod jeglichen Zeitmanagements

 

„Ohmaaaaaannnn, Mamaaa! Du hast meine Lieblings-Usedlook-Jeans-mit-den-unterlegten-Löchern nicht gewaschen! Soll ich jetzt vielleicht nackt zur Schule gehen?“, brüllte meine übelgelaunte Tochter aus ihrem Zimmer. Wahrscheinlich versuchte sie gerade, vergeblich die Türen zu ihrem übervollen Kleiderschrank zu schließen. Augenblicklich landete ich hart im Hier und Jetzt. „Meinen Lieblingspullover hat sie auch nicht gewaschen…“, donnerte ihre ältere Schwester aus ihrem Loft, Dachgeschoss dürfen wir nicht mehr sagen, herunter und leistete einen wertvollen Beitrag dazu, meinen Stresspegel auf das Level ‚SchichtimSchacht‘ hochzustufen. „Ich kann Euch Beiden ja ein paar Klamotten von mir ausleihen“, rief ich zurück und tat damit natürlich nichts, um die Stimmung zu heben. Augenblicklich zogen sich meine zwei Stylowahnsinnigen zurück. Ich hörte nur noch ein paar gemurmelte Wortfetzen: „…Zombieoutfit…, … Dude, dein Ernst? …, … rufschädigende Schlackerfetzen…“

 

Kaffee, ganz viel Kaffee … Oooohmmm!!!

 

Grinsend ging ich in die Küche, ich brauchte Kaffee, viel, ganz viel Kaffee.  Ich setze mich an den Esstisch, und kraulte Finley im Nacken. Das beruhigte mich sonst immer ein wenig. Aber irgendwie wollte dieses Mal keine Entspannung aufkommen. Es gab einfach noch so viel zu erledigen, so viel zu planen, so viele offene Fragen… Eine der drängendsten Fragen, hing wie ein Betonklotz über mir. Was essen wir an Weihnachten? Als harmoniesuchendes Familien – *hüstel – oberhaupt, war mir daran gelegen, dass es allen schmecken würde. Als Kochbeauftragte der Familie, hing ich von Anbeginn der Essenszeiten einem Wunschtraum nach. Ich wollte es nur einmal, wirklich nur ein einziges Mal erleben, dass mein Essen mit Wonne, unter juchzender Lobhudelei von allen verschlungen wird. Das war doch wohl nicht zu viel verlangt. Oder?

 

Der Familienrat ist auch nicht immer eine Lösung

 

Also wurde nach der Schule der Familienrat einberufen. Eigentlich kann ich von solchen, inszenierten Familienzusammenkünften nur abraten – emotional gesehen. Jedenfalls dann, wenn das Topic nicht wirklich etwas Fesselndes, aufregend Interessantes zu bieten hat. Da saßen wir nun, mein Mann sah ständig auf die Uhr, Motte war am Handy im Klassenchat unterwegs und Mausi fielen vor Müdigkeit fast die Augen zu. Nur mein Finley schien bereit zu sein, sich voll und ganz in die Unterhaltung einzubringen. *braverHund

 

Aufmersamkeitstraining kennt man ja aus dem Hundetraining

 

Ich machte den Zweibeiner-Aufmerksamkeitscheck und warf locker ein paar Grausamkeiten in die Runde: Ich: „Also, was haltet ihr von überbackenem Brokkoli, mit Kassler…“ Rrringggg…, Mausi riss die Augen auf: „Was Grünes? Igiddigitttt…!“ Reanimation gelungen!

Finley sah mich an. Über seinem Kopf hing wabernd eine Sprechblase: „Kassler, hmmm… wäre nicht meine erste Wahl, aber geht klar.“ *herzigerSchatz

Ich seufzte: „…oder Karpfen blau mit Salzkartoffeln…“ Motte schnappt nach Luft: „Näää, da kann man den Fisch ja noch erkennen, der guckt dann immer so traurig …. wie bist DU den drauf Mama?“

Finley hingegen nickte begeistert, seine Sprechblase schoss Karpeister: „Doch, doch, dooohooooch, Fisch ist klasse … wie damals an der See, lecker …“ *süssesBärchen

Ich, schon leicht genervt: „Königsberger Klopse mit Kapernsauce und Reis? Wie wäre es damit?“ Der Mann schnaubte laut auf. „War ja klar. Ähm, nicht so prickelnd…“ Und dann sehr gönnerhaft: „Naja, wenn’s sein muss…“

Finley sah ihn verständnislos an. In seiner Sprechblase formte sich ein Fragezeichen: „Hackfleischklöpse findest Du nicht so prickelnd? Das könnte ich jeden Tag futtern – in allen Varianten! NICHT SO PRICKELND, ts … ts … ts … ts…“ *meinHeldBuddyKumpel

Mein Blut erreichte langsam den Siedepunkt. Ich: „Na dann macht Ihr doch mal einen Vorschlag. Worauf hättet Ihr den Appetit?“  Es folgt allgemeines Gemurmel, verlegenes zur Seite schauen, nicht ausformulierte Halbsätze…: „Och, weiß nicht…, mal was Anderes…“ Und dann – Mach mal, was Du willst!

 

Flight, Freeze – ESKALATION!

 

Genau in dem Moment änderte sich mein Gemütszustand drastisch. Irgendetwas oder Jemand, hatte die Programmierung von „Kooperative Service-Mama“ auf „Ahnengenetik – Typ Veloceraptor“ gestellt. Will heißen, ich hatte zwar noch keine Ahnung, was am Heiligabend auf den Tisch kommen würde. Aber was immer es auch sein würde, ich wollte es eigenhändig töten!!!

 

Und Huuuiiiii, weg war er …

 

Unsere Versammlung hatte sich inzwischen von selber aufgelöst. Ich schaute Finley an und sagte scherzhaft: „Wahrscheinlich wird es das Beste sein, ich überlasse Dir die Auswahl unseres Weihnachtsmenus.“ Ich konnte ja nicht ahnen, dass mein Hund mich wenig später beim Wort nehmen würde. Ich brauchte dringend frische Luft. Also verabredeten wir uns mit meiner Freundin Christa und Frieda, ihrer 13-jährigen Ridgeback-Hündin. Am Waldrand ließen wir die Hunde von der Leine. Genau in der Sekunde passierte es. Finley reckte die Nase in die Luft und startete durch, wie Nico Rosberg auf der Poolposition. Und ja – DAS HATTE ER NOCH NIE GEMACHT!

 

Der zuverlässige Rückruf … öhm, man kann es ja mal versuchen

 

Ich gab wirklich alles, um meinen Hund dazu zu bewegen, zu mir zurückzukommen: „Finley HIIIIIER! – Doppelpfiff!!! – Hiiiierheeeer! –Doppeldoppelpfiff!!! – KommstDuSoooforthiiiierherJettttttzt – TripleDoppelpfiiiff!!!“ Er hatte sich nicht einmal umgedreht. Mein schöner Rückruf, auf dessen Zuverlässigkeit ich eigentlich immer ein wenig stolz gewesen war, verpuffte im Nirvana. Genauso wie Finleys Will to Please. Mein Inneres Ooohhmmm schlug mit dem Klöppel auf seine Klangschale ein, als wäre sie eine Alarmglocke. Hektisch hastete ich meinem Hund hinterher, Christa und Frieda im Schlepptau. Auf dem Acker unseres heimischen Biohofs saß er dann – und er hatte etwas Großes im Maul.

 

Wenn es da doch so herumliegt, das Fleisch…

 

„Was trägt er denn da“, fragte ich Christa. „Sieht aus wie eine Aktentasche“, sagte sie irritiert. Und dann erkannten wir es. Mein Finley hatte ein riesiges Stück Fleisch in der Schnauze und ließ es sich schmecken. Da musste einem Angestellten des Biohofes, der Weihnachtsbraten, auf der Heimfahrt vom Trecker gefallen sein. Christa sah sich Finleys Beute noch mal näher an: „Ach Mist, ich glaube das ist ein Schweinebraten“, sagt sie besorgt. Na, das hatte mir gerade noch gefehlt. Nicht nur, dass mein Jungspund gerade gefühlte sechs Kilo totes Fleisch gejagt hatte, wenn er zu viel davon in sich hineingeschlungen hatte, war die Situation lebensbedrohlich.

 

Sorry, aber „Fleischloslassen“ haben wir leider nicht konditioniert

 

Ich alarmierte meine Tierärztin. Sie versprach, in ihrer Praxis zu warten und sagte: „Du musst ihm das Fleisch wegnehmen, damit er nicht noch mehr frisst.“ Und genau das war das Problem. Christa und ich versuchten alles, Finley die Beute zu entwinden. Christa: „Loslassen … gib schön her, das Happihappiii …*dochhatsiegesagt … Friiiieda, nimm ihm das weg!“ Ich: „Lassdasloooos … das ist giftig … Aus! Ahaauuus!!! SpuckdasausDuDrömel!“ Alles vergeblich. Jede unserer Bestrebungen führte dazu, dass mein Rüde seine Zähne tiefer in der Speckschwarte vergrub.

 

Schweinefleisch –  gut abgehangen …

 

Solange er in Bewegung war schluckte er wenigstens nicht noch mehr herunter. Sobald er sich hinsetzte oder stehen blieb, schlang er wieder ein paar kapitale Brocken herunter – unzerkaut natürlich. Also musste ich ihn auf dem Weg nach Hause in Bewegung halten. Seufzend zog ich Finley die Leine über seinen Schädel und dann über das vor Blut triefende Fleisch. Dann ging es, quer durch unsere Spießervorstadt, nach Hause. An jeder Straße patrouillierte ich auf und ab, bis kein Auto mehr kam. Bei jedem Schritt hinterließen wir eine feine, getropfte Blutspur. Ein Traum für jeden Spurensicherer.

 

Die Irre mit dem Hund

 

Und dann, die irritierten Blicke meiner lieben Mitmenschen: „Guck, jetzt ist sie vollständig verrückt geworden“, schienen sie zu sagen. Oder, „Igitt, wie eklig. Kann die ihren Köter nicht zuhause füttern?“ Bestenfalls, „Gott-oh-Gott, man kann es mit der Frischfleischfütterung aber auch übertreiben…“  Noch heute, Jahre später, gibt es ein paar Menschen, die die Straßenseite wechseln, wenn sie uns sehen.

Bei mir überdeckte die Sorge allerdings jedes Schamgefühl. Zuhause angekommen, ging ich im Garten auf und ab und überlegte, wie ich den Braten aus dem Maul meines Hundes befördern könnte. Carmen, meine Nachbarin, beobachtete mich skeptisch. „Kann ich Dir irgendwie behilflich sein“, fragte sie unsicher. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich ratlos. Und mehr zu mir selbst: „Erschrecken, ich muss ihn erschrecken! Dann lässt er vielleicht mal locker…“ „Aha, ganz wie Du meinst“, sagte Carmen und zog ihre Brauen hoch.

 

Mach ich ja ganz selten aber … BUH!!!

 

Beherzt griff ich in die Tasche, zog meinen Schlüsselbund heraus und schmiss ihn meinem Hund zwischen die Vorderpfoten. Finleys gab einen Grunzlaut von sich. Schmoampf! Der kurze Moment reichte aus, ihm das Fleisch zu entreißen. Ich schleuderte das Fleischdingens in hohem Bogen über den Gartenzaun. Mit einem gwatschenden Geräusch landete der Braten vor Carmens Füssen. „Öh, wolltest Du uns zum Essen einladen“, fragte Carmen mit einem breiten Grinsen. Ich liebe ihren trockenen Humor.

 

Vier Spritzen und ein Halleluwuampp …

 

Dann packte mir Carmen das ekelige Gwabbelstück in eine Plastiktüte und brachte mir das Corpus Delicti zu meinem Auto. „Vielleicht will Deine Tierärztin ja mal einen Blick drauf werfen“, sagte sie. Ich liebe Carmens Sinn für Praktisches. Finley, mein Dead-Flesh-Hunter, sah derweil schon etwas grün ums Maul aus. Er war, oh Wunder, ohne aufzumucken in den Wagen eingestiegen. Es musste ihm wirklich schlecht gehen.

Vier Spritzen bekam er von seiner Tierärztin. Noch bevor mein Bärchen seine Beute wieder ausgegeben hatte, sollte ich das Behandlungszimmer verlassen. „Ist besser für euch Zwei – glaub mir, das wird jetzt nicht schön“, sagte meine Tierärztin. Als ich die Tür hinter mir schloss, ging es schon los …. Wuampp …wuampp … wuampp … wuaaaaaaaa … Der Rest ist Geschichte.

Übrigens, bei uns gab es an diesem Weihnachtsfest etwas Grünes, Salat … ganz viel Salat, Gemüse, ein wenig  und unheimlich viel

 

 

 

 

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